Cliquen und Cliquenbildung im Kontext Schulbegleitung
Die unsichtbare Architektur der Zugehörigkeit
Jede Schulklasse ist ein sozialer Kosmos mit eigenen Gesetzen, Hierarchien und unsichtbaren Grenzen. Wer dazugehört und wer nicht, entscheidet sich oft nicht erst in großen Konflikten, sondern im Alltag: in der Sitzordnung, in den Gesprächen auf dem Schulhof, in der Wahl der Pausenpartner. Die Clique ist eine der mächtigsten Formen, in denen diese Zugehörigkeit organisiert wird. Sie gibt dem Einzelnen Halt, Identität und Orientierung in einer Lebensphase, in der die Ablösung vom Elternhaus beginnt und die Peergroup zur wichtigsten sozialen Referenz wird.
Doch die Clique hat zwei Gesichter. Sie ist ein Ort der Geborgenheit und zugleich eine Maschine der Exklusion. Sie definiert nicht nur, wer dazugehört, sondern auch, wer draußen bleibt. Für die Schulbegleitung, die an der Seite von Kindern arbeitet, die oft ohnehin am Rand stehen, ist das Wissen um diese Dynamik unverzichtbar. Ein Kind, das von einer Clique ausgeschlossen wird, leidet nicht nur unter dem Verlust sozialer Kontakte, sondern unter einer existenziellen Verunsicherung: Es erfährt täglich, dass es nicht gewollt ist, und kann diese Erfahrung mit niemandem teilen, der sie verstehen würde.

Begriffsklärung: Peergroup, Eigengruppe, Fremdgruppe, Clique
Bevor die Dynamik der Cliquenbildung verstanden werden kann, müssen die darunterliegenden sozialen Kategorien geklärt sein. Sie sind im Schulalltag ständig präsent, werden aber selten voneinander abgegrenzt.
Die Peergroup ist der weiteste Begriff. Er meint die Gesamtheit der Gleichaltrigen, mit denen ein Kind oder Jugendlicher alltäglich zu tun hat – die Klasse, der Jahrgang, die Gleichgesinnten im Sportverein. Die Peergroup ist keine Gruppe im engeren Sinne, sondern ein soziales Feld, in dem sich Gruppen erst bilden und auflösen. Sie ist die Bühne, auf der die komplexen Dramen der Zugehörigkeit aufgeführt werden.
Innerhalb dieses Feldes unterscheidet die Sozialpsychologie zwischen Eigengruppe und Fremdgruppe. Eine Eigengruppe ist eine soziale Gruppe, der sich ein Mensch zugehörig fühlt und mit der er sich identifiziert. Sie muss nicht auf freier Wahl beruhen – auch eine Schulklasse kann als Eigengruppe erlebt werden –, aber die emotionale Identifikation mit ihr ist das entscheidende Kriterium. Die Fremdgruppe hingegen ist die Gruppe der anderen, derer, zu denen man nicht gehört und von denen man sich bewusst oder unbewusst abgrenzt. Diese Unterscheidung ist keine akademische Spitzfindigkeit, sondern der grundlegende Mechanismus, der soziale Identität stiftet. Das Wir entsteht am Du, und das Wir wird umso stabiler, je klarer es sich von einem Die abgrenzen kann.
Die Clique schließlich ist eine spezifische Form der Eigengruppe. Sie ist kleiner als die Peergroup, intensiver als ein loser Freundeskreis und durch ein hohes Maß an wechselseitiger Identifikation geprägt. Cliquen bilden sich meist freiwillig, basieren auf geteilten Interessen, Vorlieben oder ästhetischen Gemeinsamkeiten und entwickeln rasch eine eigene Binnenkultur mit unausgesprochenen Regeln, Ritualen und Hierarchien. Entscheidend ist, dass die Clique sich ihrer selbst als Gruppe bewusst ist und die Grenze zu den anderen aktiv markiert. Wer in einer Clique ist, weiß, dass er in ihr ist; wer nicht in ihr ist, spürt es ebenso deutlich.
Die Dynamik der Cliquenbildung: Warum es Cliquen gibt und wie sie sich halten
Cliquen entstehen nicht zufällig. Sie antworten auf ein fundamentales Bedürfnis nach Zugehörigkeit, das in der Adoleszenz besonders stark ausgeprägt ist. Das Schulkind und mehr noch der Jugendliche steht vor der Entwicklungsaufgabe, sich aus der familiären Bindung zu lösen und eine eigene Identität zu finden. Die Clique bietet dafür einen geschützten Übergangsraum: Sie gibt Halt, ohne zu bevormunden, sie definiert Zugehörigkeit, ohne Eltern oder Lehrkräfte einzubeziehen, und sie bietet ein Experimentierfeld für soziale Rollen, das die Erwachsenenwelt nicht kontrolliert.
Die Forschung zur sozialen Identität, begründet von Henri Tajfel und John Turner, hat gezeigt, dass bereits die bloße Einteilung in zwei Gruppen genügt, um eine Aufwertung der eigenen und eine Abwertung der fremden Seite zu erzeugen. Cliquen verstärken diesen Mechanismus durch permanente Interaktion, durch die Entwicklung eigener Symbole, Sprachen und Rituale. Sie werden zu einem Mikrokosmos, in dem die Mitglieder bestätigt bekommen, dass sie richtig sind, so wie sie sind, und dass die anderen falsch liegen. Diese Selbstvergewisserung ist psychologisch verständlich, aber sie hat einen Preis: Sie produziert die Abwertung der Außenstehenden als Nebenprodukt.
Die Stabilität von Cliquen speist sich aus zwei Quellen: dem Nutzen, den sie den Mitgliedern bieten, und den Kosten, die ein Austritt verursachen würde. Der Nutzen liegt auf der Hand – Freundschaft, Rückhalt, geteilte Erlebnisse, eine klare Position im sozialen Gefüge der Schule. Die Kosten des Austritts sind weniger sichtbar, aber nicht weniger wirksam: Wer die Clique verlässt, verliert nicht nur den Kontakt zu den bisherigen Freunden, sondern steht vor dem Nichts. Er hat sich durch die Mitgliedschaft in der Clique von anderen möglichen Kontakten abgeschnitten und muss sich ein neues soziales Netz erst aufbauen, während die alten Freunde ihn nun ihrerseits als Fremden behandeln.
Idole und die Navigation zwischen Nähe und Abgrenzung
Cliquen brauchen mehr als gemeinsame Interessen, um zu entstehen. Sie brauchen einen Kern, um den herum sie sich bilden – und sie brauchen eine Grenze, die definiert, wer dazugehört und wer nicht. Beides ist in der Logik der Gruppe untrennbar miteinander verbunden: Die Zugehörigkeit der einen wird erst durch den Ausschluss der anderen erfahrbar. Diese Dialektik von Nähe und Abgrenzung ist kein Fehler im Betriebssystem der Clique, sondern ihr grundlegendes Funktionsprinzip.
Idole spielen bei der Cliquenbildung eine oft unterschätzte, aber zentrale Rolle. Ein Idol muss keine reale Person sein – es kann ein Musiker, eine Influencerin, ein Sportstar oder eine fiktive Figur sein. Entscheidend ist, dass das Idol etwas verkörpert, das die Mitglieder der Clique miteinander teilen und nach außen sichtbar machen können: einen Musikgeschmack, eine ästhetische Vorliebe, eine Haltung zur Welt. Das gemeinsame Idol stiftet Identität, ohne dass die Gruppe diese Identität mühsam verhandeln muss. Es liefert den Soundtrack, die Bildsprache, die Insider-Begriffe, an denen sich die Zugehörigkeit festmachen lässt. Wer denselben Star verehrt, gehört dazu; wer ihn nicht kennt oder gar verachtet, steht draußen.
Die Abgrenzung nach außen ist dabei kein Nebeneffekt, sondern konstitutiv. Die Clique definiert sich nicht nur durch das, was sie ist, sondern ebenso durch das, was sie nicht ist. Die anderen Klassen, die langweiligen Streber, die uncoolen Außenseiter – diese Fremdgruppen sind das notwendige Gegenstück, ohne das die eigene Gruppe nicht als besonders, nicht als exklusiv, nicht als relevant erlebt würde. Die Grenze zwischen innen und außen wird durch spezifische Zeichen markiert. Kleidung, Sprache, Gesten, der richtige Musikgeschmack, die richtige Freizeitbeschäftigung – all das dient als Erkennungszeichen, das Zugehörigkeit signalisiert und gleichzeitig den Zugang reguliert.
Wer die Zeichen nicht beherrscht, bleibt draußen, und zwar unabhängig davon, wie sympathisch oder interessiert sie oder er ist. Es geht nicht um die Person, sondern um die Passung zum Code. Diese Codes sind oft subtil und ändern sich schnell; was gestern noch als cool galt, kann heute schon lächerlich sein. Die Geschwindigkeit dieses Wandels ist selbst ein Mechanismus der Exklusion: Wer nicht ständig dazugehört, kann gar nicht mithalten.
Positive und negative Aspekte der Cliquenbildung
Cliquen sind keine Pathologie. Sie erfüllen eine entwicklungspsychologische Funktion und können erheblich zum Wohlbefinden und zur sozialen Kompetenz ihrer Mitglieder beitragen. Zugleich bergen sie Risiken, die nicht verharmlost werden dürfen. Die Ambivalenz der Clique liegt darin, dass sie dieselben Mechanismen – Nähe, Abgrenzung, Konformität – sowohl zum Schutz als auch zur Ausgrenzung einsetzen kann. Welche Seite überwiegt, hängt vom konkreten Einzelfall ab, aber beide Seiten sind strukturell in der Logik der Clique angelegt.
Schutz, Rückhalt und gemeinsame Identität
Auf der positiven Seite steht die soziale Unterstützung. In einer Clique erfahren Kinder und Jugendliche emotionale Wärme, Verständnis und Rückhalt, die sie in dieser Intensität weder bei Eltern noch bei Lehrkräften suchen. Sie können sich ausprobieren, Fehler machen und dennoch akzeptiert werden, solange sie die Regeln der Gruppe nicht verletzen. Die Clique ist ein Übungsfeld für soziale Fähigkeiten: Konflikte aushandeln, Kompromisse schließen, Verantwortung übernehmen, andere trösten – all das wird in der Peergroup ständig praktiziert, ohne dass ein Erwachsener eingreifen müsste.
Ein oft übersehener positiver Aspekt ist die Schutzfunktion, die Cliquen gegenüber anderen Gruppen und gegenüber Erwachsenen übernehmen können. Eine intakte Clique fungiert als sozialer Schutzschild: Das einfache Signal „Lass ihn in Ruhe, er gehört zu uns“ kann ein Kind vor Übergriffen bewahren, die es als Einzelner schutzlos ausgeliefert wäre. In einer Schulwelt, in der Hierarchien oft informell und unerbittlich sind, bietet die Zugehörigkeit zu einer Clique eine Form von Sicherheit, die kein Erwachsener gewährleisten kann.
Diese Schutzfunktion erstreckt sich auch auf das Verhältnis zu Erwachsenen. Cliquen schaffen einen Raum, der von Erwachsenen – Eltern wie Lehrkräften – nicht vollständig kontrolliert werden kann. In der Adoleszenz, wenn die Ablösung vom Elternhaus zur zentralen Entwicklungsaufgabe wird, ist dieser kontrollfreie Raum psychologisch notwendig. Die Clique erlaubt es, eigene Regeln zu entwickeln, eigene Werte zu erproben und eine Identität zu finden, die nicht von den Erwartungen der Erwachsenenwelt definiert wird. Sie ist ein Übergangsraum, in dem Autonomie eingeübt werden kann, ohne dass die Konsequenzen des eigenen Handelns sofort mit der Härte der Erwachsenenwelt durchschlagen.
Die inklusive Clique – wenn Zugehörigkeit auf Vielfalt baut
Eine besondere, pädagogisch bedeutsame Variante der Cliquenbildung sind Gruppen, die ihre Identität nicht über Ausgrenzung, sondern über Integration aufbauen. Inklusion selbst wird zum Distinktionsmerkmal: Man ist die Klasse, in der niemand gemobbt wird, in der Kinder mit und ohne Behinderung selbstverständlich zusammenarbeiten, in der Unterschiedlichkeit nicht als Makel, sondern als Normalität gilt. Diese Identität stiftet ebenso Zugehörigkeit wie jede andere Cliquenidentität – aber sie tut es, indem sie die Grenzen der Gruppe für jene öffnet, die anderswo vor verschlossenen Türen stehen.
Raúl Krauthausen hat von einer solchen Klasse berichtet, die ihre inklusive Praxis als Alleinstellungsmerkmal kultivierte. Die Schüler waren stolz darauf, die inklusive Klasse zu sein, und grenzten sich – soweit man davon sprechen kann – von Klassen ab, in denen Ausgrenzung und Konkurrenz herrschten. Der Mechanismus der Distinktion bleibt derselbe: Wir sind anders als die anderen. Aber der Inhalt dieser Unterscheidung hat sich umgekehrt. Nicht mehr die Ausgrenzung stiftet Identität, sondern deren bewusste Verweigerung.
Damit wird die Clique zu einem Ort, an dem Kinder und Jugendliche nicht nur soziale Fertigkeiten einüben, sondern unmittelbar erfahren, dass Zugehörigkeit nicht auf Kosten anderer gehen muss. Diese Erfahrung ist nicht nur für die Mitglieder der Clique prägend, sondern verändert das gesamte soziale Klima einer Klasse oder Jahrgangsstufe. Die inklusive Clique zeigt, dass Distinktion keine notwendige destruktive Wirkung haben muss, solange sie auf einem positiven Wert beruht, der die Grenzen der Gruppe nicht gegen Menschen, sondern gegen Verhaltensweisen richtet.
Exklusion, Gruppendruck und deviante Peergroups
Auf der negativen Seite steht die Exklusion. Jede Clique definiert Grenzen, und jede Grenze schließt Menschen aus. Wer nicht die richtigen Codes beherrscht, wer die falsche Kleidung trägt, wer das falsche Hobby hat oder einfach nur schüchtern ist, bleibt draußen – und spürt das jeden Tag. Diese Ausgrenzung ist keine aktive Bosheit, sondern das stille, selbstverständliche Funktionieren eines Systems, das auf Ähnlichkeit und Abgrenzung beruht. Für das ausgegrenzte Kind aber macht es keinen Unterschied, ob der Ausschluss böswillig oder gleichgültig geschieht. Die Wirkung ist dieselbe: Einsamkeit, Scham, das quälende Gefühl, nicht richtig zu sein.
Hinzu kommt der Gruppendruck. Cliquen haben unausgesprochene Regeln, und wer sie verletzt, riskiert Sanktionen bis hin zum Ausschluss. Dieser Druck kann harmlos sein – die Aufforderung, ein bestimmtes Musikstück zu hören – oder zerstörerisch: die Erwartung, bei Mobbing mitzumachen, Drogen zu konsumieren oder sich an Straftaten zu beteiligen. Die Grenze zwischen Konformität und Selbstaufgabe ist fließend, und für ein Kind, das um seine Zugehörigkeit fürchtet, ist die Verlockung, diese Grenze zu überschreiten, enorm.
Gefahr von devianten Peergroups
Eine besonders fatale Wendung nimmt die Cliquenbildung dort, wo sie in die Entstehung devianter Peergroups mündet. Thomas Bliesener hat in seiner Forschung zu beschädigten Seelen und frühen Verhaltensstörungen die Dynamik beschrieben, die Kinder und Jugendliche in solche Gruppen treibt. Der Pfad beginnt häufig mit familiären Konflikten und misslingender Bindung: Wenn die Familie keine Wertschätzung, keine Orientierung und keinen Halt bietet, orientiert sich das Kind früh nach draußen. Diese Außenorientierung führt aber nicht in konventionelle Gruppen – den Sportverein, die Feuerwehr, den Musikclub –, sondern zu anderen, die ebenfalls auf der Suche nach Anschluss, Anerkennung und Action sind.
In diesen devianten Peergroups entsteht eine eigene Kultur, die Bliesener als devianten Lebensstil beschreibt. Körperlichkeit und Stärke werden betont, Männlichkeitsnormen überhöht, schulische Werte abgelehnt. Entscheidend ist das, was jetzt passiert, nicht das, was in ferner Zukunft liegen mag – eine Ausbildung, ein Studium, ein geordnetes Leben. Jetzt brauchen wir Geld, jetzt wollen wir Spaß, jetzt muss es krachen. Diese Orientierung auf unmittelbare Bedürfnisbefriedigung, verbunden mit der Ablehnung konventioneller Ziele und der Verherrlichung von Gewalt als Mittel der Durchsetzung, verfestigt sich in der Gruppe wechselseitig. Die Clique wird zum Verstärker jener Verhaltensweisen, die ursprünglich aus der individuellen Not entstanden sind, und treibt die Mitglieder immer weiter in eine Spirale aus Risikoverhalten, Delinquenz und sozialer Isolation vom Rest der Gesellschaft.
Entscheidend ist, dass dieser Pfad nicht zwangsläufig beschritten wird. Blieseners Risikomodelle zeigen, dass es sich um eine Kumulation von Faktoren handelt, nicht um ein Einzelschicksal. Eine intakte Clique kann genauso gut eine Schutzfunktion übernehmen und das Kind vor dem Abgleiten bewahren. Welche Richtung die Entwicklung nimmt, hängt von einer Vielzahl von Bedingungen ab – von der Qualität der familiären Bindung über die Verfügbarkeit positiver Rollenmodelle bis zu den konkreten Personen, aus denen sich die Clique zusammensetzt. Die Clique selbst ist nie die alleinige Ursache, sondern immer nur ein Faktor in einem komplexen Gefüge.
Cliquenbildung und Schulbegleitung: Zwischen Schutz, Grenze und Beobachtung
Für die Schulbegleitung ist die Cliquenbildung ein mehrschichtiges Thema. Sie betrifft das begleitete Kind in seinem eigenen Erleben, sie betrifft die Begleitperson in ihrer Rolle als Teil des sozialen Gefüges der Klasse – und sie verlangt eine kontinuierliche, methodisch fundierte Beobachtung, um die Dynamik zu verstehen und angemessen handeln zu können.
Das begleitete Kind und die Grenze der Clique
Viele begleitete Kinder stehen von vornherein auf der falschen Seite der Cliquengrenze. Sie haben vielleicht nicht die sozialen Fähigkeiten, um die Codes der Gruppe zu lesen und zu bedienen. Sie haben vielleicht eine sichtbare Behinderung, die sie in den Augen der Clique automatisch als fremd markiert. Sie haben vielleicht eine Begleitperson an ihrer Seite, die sie von den anderen unterscheidet und die ihnen den Zugang zur Peergroup zusätzlich erschwert. Die Folge ist eine doppelte Exklusion: Das Kind gehört nicht zur Clique – und es gehört auch nicht zu den anderen Außenseitern, weil es durch die Begleitung noch einmal besonders sichtbar ist.
Doch die Schulbegleitung hat es nicht nur mit Kindern zu tun, die am Rand stehen. Ein erheblicher Teil der Begleitungen betrifft Kinder und Jugendliche mit Störungen des Sozialverhaltens – Kinder, die provozieren, die Regeln verletzen, die andere bedrängen. Aus der Sicht einer devianten Clique kann ein solches Kind durchaus auf der „richtigen Seite“ stehen. Sein Verhalten, das im Unterricht als störend gilt, kann in der Clique als Mut, als Coolness, als Stärke gewertet werden. Die Clique bietet ihm Anerkennung für genau jene Verhaltensweisen, die in der Schule sanktioniert werden, und verstärkt sie dadurch wechselseitig.
Für die Begleitperson entsteht daraus ein doppeltes Dilemma. Sie muss das Kind unterstützen, ohne Teil der Cliquendynamik zu werden – weder als Komplize, der das deviante Verhalten deckt, noch als Außenseiter, der die einzige Quelle von Anerkennung gefährdet, die das Kind hat. Sie muss präsent sein, aber nicht die Schwelle sein, über die das Kind nicht hinwegkommt. Sie muss helfen, ohne zur Barriere zu werden. Und sie muss gleichzeitig verhindern, dass ihre eigene Anwesenheit die soziale Position des Kindes verschlechtert oder die Dynamik der Clique unbeabsichtigt stabilisiert. Dieses Dilemma ist nicht durch eine einfache Regel aufzulösen, sondern verlangt eine ständige, sensible Navigation zwischen Schutz und Rückzug, zwischen Unterstützung und Unsichtbarkeit.
Beobachtung und Dokumentation als Grundlage
Cliquen sind keine statischen Gebilde. Sie verändern sich ständig – neue Mitglieder kommen hinzu, alte fallen heraus, informelle Hierarchien verschieben sich, Loyalitäten wechseln. Wer in dieser Bewegung handlungsfähig bleiben will, braucht einen genauen Blick für das, was gerade geschieht. Für die Schulbegleitung ist die systematische Beobachtung des sozialen Geschehens daher kein gelegentliches Nebenprodukt, sondern eine Kernaufgabe.
Die teilnehmende Beobachtung – das bewusste Wahrnehmen dessen, was in Pausen, Gruppenarbeiten und informellen Gesprächen vor sich geht – liefert Daten, die kein Fragebogen und kein Gespräch mit der Lehrkraft ersetzen kann. Sie zeigt, wer mit wem Kontakt sucht und wer gemieden wird, wer in welcher Situation die Führung übernimmt, welche Kinder unsichtbar bleiben. Die wahrnehmende Beobachtung, bei der die Begleitperson sich aus dem Geschehen herausnimmt und gezielt eine Außenperspektive einnimmt, ergänzt diese Innenansicht um eine analytische Distanz.
Beide Formen der Beobachtung müssen dokumentiert werden, nicht als bürokratische Pflicht, sondern als Werkzeug der Reflexion. Eine fortlaufende, strukturierte Dokumentation macht Muster sichtbar, die im Alltag untergehen: Welche Kinder sind in den letzten Wochen an den Rand geraten? Welche Cliquen haben sich neu gebildet? In welchen Situationen eskaliert das Verhalten des begleiteten Kindes, und welche Rolle spielt die Cliquendynamik dabei? Diese Aufzeichnungen sind die Grundlage für Gespräche mit der Lehrkraft, für Förderpläne und für die eigene Supervision – und sie schützen die Begleitperson vor vorschnellen Deutungen, die sich bei näherem Hinsehen als unhaltbar erweisen.
Die Schulbegleitung kann auf der Grundlage solcher Beobachtungen aktiv dazu beitragen, die Dynamik von Cliquen zu verstehen und im Sinne des Kindes zu beeinflussen. Sie kann das Kind darin bestärken, eigene Interessen zu entwickeln, die es mit anderen teilen kann – nicht um einer Clique beizutreten, sondern um anschlussfähig zu bleiben. Sie kann informelle Kontakte fördern, indem sie Spiel- und Arbeitssituationen schafft, in denen das Kind mit anderen kooperieren muss und dabei seine Kompetenzen zeigen kann. Sie kann gegenüber der Lehrkraft präzise beschreiben, was sie beobachtet hat, und gemeinsam mit ihr überlegen, welche Interventionen sinnvoll sind.
All das ändert nichts daran, dass Cliquen sich bilden werden, solange Kinder miteinander zur Schule gehen. Sie sind ein nicht hintergehbarer Teil der sozialen Realität. Aber die Schulbegleitung kann durch genaues Hinsehen, kluge Dokumentation und behutsame Intervention dazu beitragen, dass aus der Grenze der Clique keine unüberwindbare Mauer wird – und dass das Kind, ob es nun innerhalb oder außerhalb der Clique steht, seinen Platz im sozialen Gefüge der Klasse findet.
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