Der schlimmste Fehler der Menschheitsgeschichte
1. Yuval Noah Harari: Die Agrarrevolution als „größten Betrug der Geschichte“ und die Macht der Fiktionen
In seinem Bestseller „Sapiens: Eine kurze Geschichte der Menschheit“ betrachtet Yuval Noah Harari die Agrarrevolution aus einer einzigartigen Perspektive, die sich auf die Rolle von kollektiven Fiktionen und deren Auswirkungen auf die menschliche Kooperation und das Leid der Individuen konzentriert. Er bezeichnet die Agrarrevolution als den „größten Betrug der Geschichte“ – einen Betrug, der nicht von einer böswilligen Instanz ausging, sondern durch die vermeintlichen Vorteile der Landwirtschaft selbst entstand und sich immer weiter verfestigte.
Hararis Argumentation baut auf mehreren Säulen auf:
Zuwachs an Kooperation durch Fiktionen: Für Harari ist die einzigartige Fähigkeit des Homo Sapiens, an gemeinsame Fiktionen (Mythen, Religionen, Gesetze, Wirtschaftssysteme) zu glauben, der Schlüssel zur Kooperation großer Gruppen. Die Agrarrevolution schuf die Notwendigkeit und die Möglichkeit für solche großflächige Kooperation, die über die kleinen Gruppen von Jägern und Sammlern hinausging. Diese Fiktionen – seien es Götter, Könige oder Geld – ermöglichten es, Tausende, dann Millionen von Menschen unter einem gemeinsamen System zu organisieren und so die Zivilisationen zu errichten, die wir kennen.
Das Leiden der Individuen im Dienste der Spezies: Auch Harari betont, dass der Übergang zur Landwirtschaft für das einzelne Individuum – sei es Mensch oder Tier – oft eine Katastrophe war. Die Bauern arbeiteten härter für eine weniger abwechslungsreiche und oft ungesündere Ernährung. Die Domestizierung von Tieren führte zu unsäglichem Leid für Milliarden von Lebewesen, die in den Dienst des Menschen gezwungen wurden, oft unter erbärmlichen Bedingungen. Harari kritisiert hier die rein anthropozentrische Sichtweise des „Erfolgs“ der Menschheit und weist auf die moralischen Kosten hin, die dieser Erfolg für andere Spezies hatte.
Der „goldene Käfig“: Die Verpflichtung zum Ackerbau und die Abhängigkeit von wenigen Nutzpflanzen führte die Menschen in einen „goldenen Käfig“. Einmal auf den Ackerbau umgestellt, war es fast unmöglich, zum Jäger- und Sammlerdasein zurückzukehren. Die steigende Bevölkerungszahl machte die Rückkehr unmöglich und verfestigte das System, unabhängig von seinen negativen Auswirkungen auf das individuelle Wohlbefinden.
Entfremdung von der Natur: Harari beleuchtet, wie der Mensch durch die Agrarrevolution begann, sich von der natürlichen Umwelt zu entfremden und sie als etwas zu betrachten, das beherrscht und manipuliert werden muss, um menschliche Bedürfnisse zu erfüllen. Dies legte den Grundstein für eine Weltsicht, die die ökologischen Grenzen oft ignoriert.
Hararis Analyse geht über die materielle und gesundheitliche Verschlechterung hinaus und beleuchtet die tiefgreifenden mentalen und sozialen „Skripte“, die sich mit der Agrarrevolution entwickelten: die Fähigkeit, kollektiven Illusionen zu folgen, die die Gesellschaft zusammenhalten, aber auch zu Leid und Entfremdung führen können. Damit liefert er eine wichtige philosophische Dimension zur Diskussion über die langfristigen Folgen dieses historischen Wandels.
2. Jared Diamond: Der „schlimmste Fehler“ der Menschheitsgeschichte und die Schattenseiten des Fortschritts
Wo Yuval Noah Harari die Agrarrevolution aus einer primär philosophischen Perspektive der kollektiven Fiktionen und des Leidens der Individuen betrachtet, liefert Jared Diamond, insbesondere in seinem Essay „Der schlimmste Fehler in der Geschichte des Menschengeschlechts“ und seinem umfassenden Werk „Kollaps“, eine scharfe sozio-ökologische und gesundheitliche Kritik an diesem Übergang. Für Diamond war die Abkehr vom Jäger- und Sammlerdasein keineswegs ein triumphaler Schritt vorwärts, sondern ein fundamentales Fehlurteil, dessen langfristige Konsequenzen die Menschheit bis heute prägen.
Diamond argumentiert überzeugend, dass die vermeintlichen Errungenschaften der Landwirtschaft – mehr Nahrung und Sesshaftigkeit – einen hohen Preis forderten, der die Lebensqualität vieler Menschen drastisch verschlechterte:
Verschlechterung der Gesundheit und Ernährung: Während Jäger- und Sammlergesellschaften oft eine breite und diverse Ernährung aufwiesen, führte die Konzentration auf wenige, stärkereiche Nutzpflanzen (wie Getreide oder Reis) bei Bauern zu einer einseitigeren Ernährung. Dies machte sie anfälliger für Mangelerscheinungen und epidemische Krankheiten, die sich in dichter besiedelten, sesshaften Gemeinschaften rascher ausbreiteten. Knochenfunde belegen oft eine schlechtere Konstitution und geringere Lebenserwartung bei frühen Ackerbauern.
Anstieg von Arbeitslast und Leid: Entgegen der oft idealisierten Vorstellung erforderte die Landwirtschaft einen erheblich höheren und anstrengenderen Arbeitseinsatz als das Jagen und Sammeln. Das mühsame Bestellen der Felder, das Säen, Ernten und Lagern band die Menschen an einen Kreislauf permanenter Schufterei, oft unter schlechteren Bedingungen als die flexible Lebensweise der Jäger und Sammler.
Entstehung von Hierarchie und Ungleichheit: Die Produktion von Überschüssen und die Notwendigkeit ihrer Speicherung und Verteilung waren der Nährboden für soziale Schichtung. Es entstanden komplexe Hierarchien, die von Bauern über Krieger und Priester bis hin zu Eliten reichten, die die Kontrolle über die Ressourcen und die Arbeit der meisten Menschen übernahmen. Dies führte zu einer bis dahin unbekannten Ausprägung von Ungleichheit, Sklaverei und Unterdrückung.
Umweltzerstörung und Ressourcenerschöpfung: Die sesshafte Landwirtschaft begann frühzeitig, die Umwelt zu transformieren und zu schädigen. Abholzung für Ackerland, Bodenerosion durch Übernutzung und nicht nachhaltige Praktiken legten den Grundstein für ökologische Krisen. In „Kollaps“ analysiert Diamond detailliert, wie Gesellschaften durch die Übernutzung ihrer natürlichen Ressourcen und das Ignorieren ökologischer Warnsignale letztlich ihren eigenen Untergang herbeiführten. Die vermeintliche „Beherrschung“ der Natur durch den Ackerbau entpuppte sich als eine Strategie, die die Lebensgrundlagen langfristig untergrub.
Diamonds Perspektive liefert somit eine ernüchternde Bilanz des landwirtschaftlichen Wandels. Er entlarvt das „Skript“ vom unvermeidlichen Fortschritt und zeigt, wie die Menschheit in eine Falle geriet, in der kurzfristige Vorteile (mehr Kalorien pro Fläche) mit langfristigen, oft verheerenden ökologischen und sozialen Konsequenzen erkauft wurden. Dieses „Skript“ der Beherrschung der Natur würde sich in den folgenden Jahrhunderten noch weiter verfestigen und zu immer drastischeren Auswirkungen führen.
3. Das eurozentrische „Skript“: Eine blinde Stelle in der „Geschichte der Menschheit“
Obwohl Yuval Noah Harari und Jared Diamond mit ihren Werken die gängigen Narrative über den menschlichen Fortschritt und die Agrarrevolution fundamental infrage stellen und die damit verbundenen Kosten aufzeigen, operieren auch ihre Erzählungen oft noch innerhalb eines tief verwurzelten eurozentrischen „Skripts“ der Weltgeschichte. Dies zeigt sich insbesondere in der impliziten oder expliziten Auslassung und Abwesenheit der präkolumbianischen/präcabralianischen Geschichte Amerikas vor dem Jahr 1500.
Der Begriff „Menschheit“, wie er in vielen westlichen Abhandlungen über die globale Geschichte verwendet wird – auch bei Harari und Diamond –, erscheint zwar universell, schließt aber de facto ganze Kontinente und Jahrtausende komplexer menschlicher Entwicklung aus dem zentralen Fokus aus. Das dominierende Narrativ verläuft typischerweise von den „Wiegen der Zivilisation“ in Mesopotamien, über die Klassik Griechenlands und Roms, hin zur europäischen Aufklärung und Expansion. Amerika tritt in diese „Weltgeschichte“ oft erst mit der Ankunft der Europäer nach 1492/1500 ein, als ob zuvor dort keine relevanten menschlichen Gesellschaften existiert hätten.
Diese Perspektive ist kein Zufall, sondern das Produkt einer seit Jahrhunderten etablierten eurozentrischen Geschichtsschreibung. Diese ignoriert systematisch die reichen und vielfältigen Entwicklungen in nicht-europäischen Regionen oder wertet sie als „rückständig“ oder „primitiv“ ab, bis sie durch den Kontakt mit der westlichen Zivilisation „erweckt“ wurden. Kritiker dieser Geschichtsschreibung, darunter prominente Vertreter der Postkolonialen Studien und der Dekolonisierung des Curriculums wie Edward Said, J.M. Blaut oder Walter Mignolo, haben detailliert analysiert, wie diese Perspektive nicht nur historische Fakten verzerrt, sondern auch eine Form der epistemischen Gewalt darstellt. Sie dient dazu, westliche Hegemonie zu legitimieren und andere Wissensformen und Lebensweisen zu marginalisieren oder unsichtbar zu machen.
Indem Harari und Diamond, trotz ihrer sonstigen Kritik, diese immense Leerstelle in der Geschichte der Amerikas vor 1500 nicht oder nur am Rande thematisieren, verstärken sie unbeabsichtigt dieses dominante „Skript“. Sie übersehen, dass „jenseits des Atlantik“ bereits seit Jahrtausenden komplexe Gesellschaften existierten, die eigene Agrarsysteme, soziale Strukturen und einzigartige Mensch-Natur-Beziehungen entwickelt hatten. Diese Auslassung ist nicht nur eine Frage der Vollständigkeit; sie ist ein fundamentaler blinder Fleck, der unsere Vorstellung davon, was „menschlicher Fortschritt“ oder „Zivilisation“ überhaupt bedeutet, entscheidend prägt und begrenzt.
Dieser blinde Fleck bildet die Grundlage für eine Erzählung, in der die europäische Expansion nicht als Invasion und Kolonialisierung, sondern oft als „Entdeckung“ oder gar zivilisatorische Mission verstanden wird. Eine Erzählung, deren Konsequenzen sich nicht nur auf die kolonisierten Völker auswirkten, sondern auch tief in der sozialen und politischen Entwicklung Europas selbst verwurzelt waren.
4. Konkrete Manifestationen der „Skripte“: Von sozialen Verwerfungen bis zur Expansion in die „Neue Welt“
Das eurozentrische „Skript“, das die Entwicklung der Menschheit linear und oft glorifizierend darstellt, verdeckt nicht nur die komplexen Kulturen jenseits Europas, sondern verschleiert auch die tiefen internen Krisen und die sozialen Verwerfungen, die Europa selbst prägten. Gerade im ausgehenden Mittelalter wurde deutlich, wie die aus der Agrarrevolution erwachsenen Systeme – vermeintlich zur Beherrschung des Mangels geschaffen – neue Formen von Not und Konflikt hervorbrachten.
Die durch Bevölkerungswachstum und begrenzte agrarische Erträge verschärfte Ressourcenknappheit führte, wie von Jared Diamond in seinem Fokus auf die ökologischen Konsequenzen angedeutet, nicht zu Stabilität, sondern zu zunehmendem Druck und militaristischer Aufrüstung. Die Kriege des Spätmittelalters waren oft auch Auseinandersetzungen um knappe Ressourcen und Macht.
Parallel dazu brach in vielen Teilen Europas offene soziale Not aus, die sich in gewaltsamen Konflikten manifestierte:
Bauernaufstände und die Entstehung von „Armensekten“: Die Landwirtschaft, die einstmals als Garant für Sicherheit galt, führte zu einer zunehmenden Abhängigkeit der Bauern von Grundherren und zu immer größeren Lasten. Missernten und Hungersnöte, oft durch Klimaverschlechterungen wie die „Kleine Eiszeit“ verstärkt, lösten verzweifelte Bauernaufstände aus. Diese Aufstände waren nicht nur ein Kampf um materielle Existenz, sondern auch ein Aufbegehren gegen die etablierten sozialen und klerikalen Strukturen. Gleichzeitig entstanden sogenannte „Armensekten“ oder häretische Bewegungen, die die reiche und oft korrupte klerikale Kirche infrage stellten. Diese Bewegungen, die sich oft aus den untersten Schichten speisten und grundlegende soziale Gerechtigkeit forderten, sind ein beredter Beweis für das Versagen des herrschenden „Skripts“ der Zeit und die Suche nach alternativen Glaubens- und Lebensweisen. Umberto Eco hat in seinen Werken diese Phänomene als Ausdruck tiefgreifender gesellschaftlicher Krisen und des Suchens nach neuen Bedeutungsrahmen eindringlich thematisiert.
Diese internen Spannungen und die Notwendigkeit, Ventile oder neue Territorien für Überschüsse (sei es an Menschen, die keine Lebensgrundlage fanden, oder an aggressiven Energien) zu finden, spielten eine entscheidende Rolle für die europäische Expansion nach Übersee:
Die „Conquistadores“ als soziale Entladung: Die oft romantisierte Figur des „Entdeckers“ oder „Eroberers“ verschleiert eine unbequeme Wahrheit. Viele der Conquistadores waren keineswegs nur edle Abenteurer, sondern oft auch Straftäter, die sich durch die Teilnahme an den riskanten Überseereisen und Eroberungszügen ihre Freiheit oder die Begnadigung für in Europa begangene Verbrechen erkauften. Dies verdeutlicht, dass die Expansion nach Amerika nicht nur von Entdeckergeist oder religiösem Eifer getrieben wurde, sondern auch als eine Art soziales Abflusssystem für die internen Probleme Europas diente. Die „Neue Welt“ wurde zum Schauplatz einer Projektion europäischer Konflikte, Hierarchien und Gewalt, getragen von Individuen, die im eigenen System oft keine Zukunft sahen oder als unerwünscht galten.
Diese Manifestationen zeigen, wie das aus der Agrarrevolution und dem eurozentrischen Denken entstandene „Skript“ nicht nur zu ökologischer Degradation und gesellschaftlicher Ungleichheit führte, sondern auch die Grundlage für eine brutale Form der Expansion legte, die die Geschichte ganzer Kontinente nachhaltig prägen sollte – und dabei jene Gesellschaften ausblendete, die ganz andere Wege der Koexistenz beschritten hatten.
5. Die Amazonische Gegen-Erzählung: Komplexität, Koexistenz und alternative Agrarskripte
Die blinden Flecken des eurozentrischen „Skripts“ beginnen sich aufzulösen, wenn wir den Blick nach Amazonien richten. Die jahrzehntelange archäologische und anthropologische Forschung von Wissenschaftlern wie Eduardo Neves Góes, Michael Heckenberger und Marcos Pereira Magalhães enthüllt eine Geschichte, die im krassen Gegensatz zur Vorstellung eines „ertraglosen Amazonas“ oder einer „primitiven“ präkolumbianischen Bevölkerung steht. Sie zeigen eine Region, die Zeuge einer hochkomplexen, vielfältigen und über Jahrtausende hinweg nachhaltigen menschlichen Besiedlungs- und Entwicklungsgeschichte war.
Die Forschung in Amazonien hat bahnbrechende Erkenntnisse geliefert, die das westliche Verständnis von Zivilisation und menschlichem Fortschritt fundamental herausfordern:
Hochkomplexe Gesellschaften und Mega-Strukturen: Entgegen der lange verbreiteten Annahme einer nur spärlichen Besiedlung und nomadischen Lebensweise, belegen archäologische Funde die Existenz von dicht besiedelten Regionen mit komplexen sozialen Strukturen, großen Dörfern, verbunden durch ausgeklügelte Straßensysteme, und beeindruckenden Erdwerken (Geoglyphen), die auf eine hohe Ingenieurskunst schließen lassen. Die Entdeckungen, wie jene im oberen Xingú-Gebiet durch Heckenberger oder die von Neves Góes erforschten Siedlungsmuster, zeichnen das Bild von Gesellschaften, die in Harmonie mit ihrem Ökosystem lebten und es aktiv gestalteten, anstatt es zu zerstören.
„Terra Preta“ – Das Wunder der nachhaltigen Landwirtschaft: Ein herausragendes Beispiel für die technologische und ökologische Klugheit der indigenen Völker Amazoniens ist die sogenannte „Terra Preta do Índio“ (Schwarze Erde der Indianer). Diese hochfruchtbaren Böden, die noch heute in Amazonien zu finden sind, wurden über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg durch die bewusste Beimischung von Biomasse, Holzkohle und organischen Abfällen geschaffen. Sie sind nicht nur extrem ertragreich, sondern speichern auch Kohlenstoff und sind selbstregenerierend. Dies steht im direkten Gegensatz zu den degradierenden Effekten der industriellen Landwirtschaft, die wir heute beobachten, und widerlegt das „Skript“ der naturzerstörenden Agrarrevolution.
Agroforstwirtschaft und Biodiversität: Viele präkolumbianische Praktiken basierten auf agroforstwirtschaftlichen Systemen, die eine hohe Artenvielfalt (Biodiversität) förderten, anstatt Monokulturen zu schaffen. Sie verbanden den Anbau von Nahrungspflanzen mit der Pflege von Waldökosystemen und förderten die Koexistenz von Mensch und Natur. Dies führte zu einer Steigerung der Produktivität bei gleichzeitiger Erhaltung und oft sogar Anreicherung der natürlichen Vielfalt.
Ein anderes „Skript“ der Mensch-Natur-Beziehung: Die Amazonische Geschichte offenbart ein fundamentales anderes „Skript“ für die Beziehung zwischen Mensch und Natur. Es ist kein Skript der Beherrschung und Ausbeutung, sondern eines der Koexistenz, Anpassung und des Aufbaus. Die Menschen formten die Landschaft auf eine Weise, die die Produktivität erhöhte, ohne die ökologische Integrität zu gefährden. Sie verstanden sich als Teil des Ökosystems, nicht als dessen Herren. Dieses Wissen wurde über Generationen weitergegeben und ist ein unschätzbares Reservoir für Lösungen angesichts der heutigen ökologischen Krisen.
Die Forschung in Amazonien demontiert nicht nur das eurozentrische Vorurteil der „ertraglosen Wildnis“, sondern bietet einen überzeugenden Gegenbeweis zu den negativen Thesen von Diamond und Harari bezüglich der Agrarrevolution. Sie zeigt, dass die Agrarrevolution nicht zwangsläufig zu Leid, Ungleichheit und Umweltzerstörung führen musste, wenn sie in ein „Skript“ der Koexistenz und nachhaltigen Gestaltung eingebettet war. Damit öffnet sie den Blick für alternative Wege, wie menschliche Gesellschaften in Harmonie mit ihrer Umwelt florieren können.
6. Die Konsequenzen der Skripte in der Gegenwart und die Suche nach neuen Wegen
Die Reise durch die „Skripte“ der menschlichen Geschichte – von der Agrarrevolution bis in die Gegenwart – offenbart eine erschreckende Kontinuität: Das Festhalten an starren mentalen Modellen führt immer wieder zu ungewollten und oft katastrophalen Konsequenzen. Die anfängliche „Beherrschung“ der Natur durch die Landwirtschaft, die Diamond so kritisch beleuchtet und Harari als „Betrug“ entlarvt, hat uns in einen Kreislauf von Problemen geführt, die heute unübersehbar sind:
Der schleichende Verlust der Lebensgrundlagen: Die moderne industrielle Landwirtschaft, die sich aus dem Haber-Bosch-Verfahren speist und auf Maximalertrag setzt, hat zu einem alarmierenden Rückgang des Nährstoffgehalts in unseren Nahrungsmitteln geführt. Gleichzeitig erleben wir einen drastischen Verlust an fruchtbarem Boden weltweit. Dies sind die direkten, materiellen Spätfolgen eines „Skripts“, das kurzfristigen Ertrag über langfristige ökologische Gesundheit stellt und die Warnungen aus der Geschichte ignoriert.
„Landwirtschaft 4.0“ – Altes Skript in neuem Gewand? Die aktuellen Entwicklungen der „Landwirtschaft 4.0“ versprechen Effizienz und Nachhaltigkeit durch Technologie. Doch die entscheidende Frage ist, welchem „Skript“ diese Technologien dienen. Wenn „Landwirtschaft 4.0“ lediglich das Ziel verfolgt, die Produktivität auf bereits degradierten Böden zu optimieren, ohne die grundlegende Beziehung zur Natur zu ändern, könnte sie ähnliche oder sogar gravierendere Konsequenzen für Biodiversität, Bestäuber und das komplexe Leben der Bodenmikroben haben wie einst die Haber-Bosch-Ära. Sie läuft Gefahr, ein „smartes“ Symptommanagement zu sein, statt eine Heilung des Systems.
Biomonitoring als „Nebelkerze“: In diesem Kontext muss auch die vermeintliche Lösung des Biomonitorings kritisch hinterfragt werden. Das Festhalten daran, bekannte Arten und Parameter akribisch zu überwachen, während noch Millionen von Arten unentdeckt sind und ihre Lebensräume zerstört werden, kann zur „Nebelkerze“ werden. Es ist ein Beispiel für Goodharts Gesetz in Aktion: Wenn das Maß (die Überwachung bekannter Arten) zum Ziel wird, hört es auf, ein guter Maßstab für das tatsächliche Ausmaß des Biodiversitätsverlusts zu sein. Es vermittelt eine trügerische Sicherheit und lenkt von den notwendigen, tiefergehenden Veränderungen der „Skripte“ ab, die das Problem überhaupt erst verursachen.
Doch gerade in diesen düsteren Aussichten liegt auch die tiefste Relevanz der Amazonischen Gegen-Erzählung. Die Forschung von Eduardo Neves Góes, Michael Heckenberger und Marcos Pereira Magalhães enthüllt nicht nur eine verborgene Geschichte komplexer, nachhaltiger Zivilisationen im Amazonasraum. Sie bietet auch ein fundamentales Gegen-Skript zu unserer vorherrschenden Denkweise:
Das Narrativ vom „ertraglosen Amazonas“ ist die historische Entsprechung von Hararis Angst vor „nutzlosen Menschen“ im Zeitalter der KI. Beide Erzählungen entspringen einem „Skript“, das den Wert von Existenz und Lebewesen an eine enge, oft ökonomisch definierte „Nützlichkeit“ oder „Produktivität“ knüpft. Was nicht in dieses Schema passt, wird als wertlos, unproduktiv oder gar gefährlich abgewertet und damit zum Ziel von Kontrolle, Umformung oder gar Eliminierung.
Die Amazonische „Terra Preta“ und die agroforstwirtschaftlichen Systeme beweisen, dass menschliche Kulturen über Jahrtausende hinweg in symbiotischer Koexistenz mit der Natur existieren und sogar ihre Produktivität steigern können, ohne sie zu zerstören. Dies ist ein „Skript“ der Anpassung, Kooperation und des Aufbaus, im Gegensatz zum destruktiven Skript der Beherrschung und Ausbeutung.
Die Lehre aus Diamond, Harari und den Amazonischen Gegen-Erzählungen ist klar: Unsere größten Herausforderungen – von der Klimakrise bis zur sozialen Ungleichheit – sind Symptome von fehlerhaften „Skripten“. Diese Skripte bestimmen, wie wir Realität konstruieren, welche Bedürfnisse wir priorisieren und welche Strategien wir zur Problemlösung wählen. Sie verdecken die Vielfalt möglicher Wege und die oft zerstörerischen Konsequenzen unserer „Lösungen“.
Der Weg in eine lebenswerte Zukunft erfordert eine radikale „Recodierung“ dieser Skripte. Es bedeutet, die blinden Flecken der eurozentrischen Geschichtsschreibung zu erkennen, die vermeintlichen Fortschritte kritisch zu hinterfragen und die „alltägliche Magie“ der Menschheit neu zu entdecken – jene Fähigkeit zur Koexistenz, Resilienz und Schöpfung, die die indigenen Kulturen Amazoniens über Jahrtausende hinweg bewiesen haben. Nur so können wir die psychologischen Blockaden überwinden und uns von den „unsichtbaren Fesseln unserer Wahrnehmung“ befreien, um neue, tragfähige „Skripte“ für eine Welt zu schreiben, in der Mensch und Natur gemeinsam florieren können.
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