Beziehung auf Augenhöhe
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1. Der inflationäre Gebrauch: Ein Begriff zwischen Anspruch und Realität
Der Begriff der „Augenhöhe“ durchzieht wie ein roter Faden die Diskurse unserer Zeit – von pädagogischen Reformbewegungen über emanzipatorische Kämpfe bis hin zu modernen Arbeitswelten. Doch je häufiger der Begriff verwendet wird, desto unschärfer wird seine Bedeutung. In der Pädagogik steht er für eine Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, die frei von hierarchischen Zwängen sein soll. In sozialen Bewegungen wird er als Forderung nach echter Partizipation erhoben, die über bloße Alibiverfahren hinausgeht. In der Arbeitswelt soll er hierarchiefreie Zusammenarbeit ermöglichen, während er in inklusiven Kontexten eine Haltung beschreibt, die Menschen nicht als Objekte von Fürsorge, sondern als gleichwertige Dialogpartner behandelt.
Doch bei aller Omnipräsenz bleibt unklar, was „Augenhöhe“ eigentlich bedeutet. Ist sie ein realisierbares Ideal, eine nützliche Fiktion – oder gar ein Täuschungsmanöver, das bestehende Machtverhältnisse nur verschleiert? Die Antwort auf diese Frage erfordert eine radikale Auseinandersetzung mit den Widersprüchen, die diesem Konzept innewohnen.
2. Systemische Kritik: Warum Augenhöhe ein Paradox ist
Die erste und grundlegendste Schwierigkeit besteht darin, dass „Augenhöhe“ die Illusion erweckt, Machtverhältnisse könnten einfach überwunden werden. Doch Macht ist kein zufälliges Phänomen, das sich durch guten Willen abschaffen lässt, sondern ein strukturelles Merkmal sozialer Systeme. Michel Foucault hat gezeigt, dass Macht nicht nur repressiv wirkt, sondern produktiv ist: Sie schafft erst die Bedingungen, unter denen „Augenhöhe“ überhaupt denkbar wird. Diskurse über Gleichheit und Partizipation entstehen nicht im luftleeren Raum, sondern sind selbst Produkte von Machtverhältnissen. Augenhöhe ist daher kein Gegenentwurf zu diesen Verhältnissen, sondern ein Teil des Machtspiels. Sie dient oft dazu, bestehende Hierarchien zu legitimieren, statt sie tatsächlich infrage zu stellen.
Niklas Luhmanns Systemtheorie führt diesen Gedanken weiter aus. Soziale Systeme operieren notwendigerweise durch Exklusion – sie entscheiden, wer dazugehört und wer nicht, wer mitentscheiden darf und wer nicht. Augenhöhe wird so zu einem Beobachtungsschema, das diese Exklusionen zwar sichtbar machen kann, sie aber nicht aufhebt. Im Gegenteil: Indem sie den Anschein von Gleichheit erweckt, stabilisiert sie oft die Systeme, die sie eigentlich kritisieren sollte. Die Forderung nach Augenhöhe in hierarchischen Strukturen – sei es in Schulen, Unternehmen oder sozialen Einrichtungen – führt daher zu einem paradoxen Ergebnis: Sie macht Machtverhältnisse sichtbar, ohne sie wirklich zu verändern.
Drei strukturelle Widersprüche verdeutlichen dieses Paradox besonders deutlich. Der erste Widerspruch besteht zwischen dem Anspruch auf Gleichheit und der Realität von Ungleichheit. Augenhöhe behauptet eine symmetrische Beziehung zwischen Menschen, die in Wirklichkeit in asymmetrischen Verhältnissen leben. In einem Unternehmen mag zwar der Anspruch erhoben werden, dass alle „auf Augenhöhe“ kommunizieren sollen – doch wer entscheidet am Ende über Gehälter, Beförderungen oder strategische Ausrichtungen? Die Illusion der Gleichheit verschleiert oft die realen Machtgefälle, statt sie zu benennen.
Der zweite Widerspruch zeigt sich im Spannungsfeld zwischen Partizipation und Entscheidungsfähigkeit. Je mehr Menschen in Entscheidungsprozesse einbezogen werden, desto langsamer und mühsamer werden diese Prozesse. Das ist das Paradox jeder demokratischen Praxis: Augenhöhe kann effizienzfeindlich wirken, weil sie Konflikte und Dissens sichtbar macht, statt sie zu glätten. Doch gerade darin liegt auch ihre Stärke – wenn man bereit ist, den Preis für diese Transparenz zu zahlen. Die Frage ist nicht, wie man Konflikte vermeidet, sondern wie man sie aushält und produktiv nutzt.
Der dritte Widerspruch schließlich besteht zwischen dem Anspruch auf Autonomie und der Realität von Abhängigkeit. Augenhöhe verlangt Selbstbestimmung – doch diese Selbstbestimmung ist immer eingebettet in vorgegebene Strukturen. Schülerinnen und Schüler dürfen zwar mitbestimmen, aber innerhalb des Rahmens, den Schulgesetze und Lehrpläne vorgeben. Mitarbeitende mögen partizipieren, aber innerhalb der Strategien, die die Unternehmensführung vorgibt. Ist Augenhöhe dann Freiheit in Ketten – oder der einzige Weg, Freiheit überhaupt zu denken? Vielleicht ist sie beides: ein Ideal, das uns zeigt, was möglich wäre, und gleichzeitig eine Erinnerung daran, wie weit wir noch davon entfernt sind.
3. Praxeologie: Wie „Augenhöhe“ trotzdem funktioniert – trotz struktureller Widersprüche
Doch wenn Augenhöhe ein so widersprüchliches Konzept ist – wie kann sie dann trotzdem funktionieren? Die Antwort liegt nicht in der Auflösung dieser Widersprüche, sondern in ihrer radikalen Anerkennung. Drei theoretische Ansätze helfen, diese Haltung zu verstehen.
Paul Watzlawicks Arbeiten zur Kommunikation zeigen, dass symmetrische Kommunikation – also der Versuch, Gleichheit herzustellen – oft nur die bestehenden Asymmetrien verschleiert. Augenhöhe bedeutet daher nicht, Machtgefälle zu leugnen, sondern sie bewusst zu benennen. Es geht nicht darum, zu behaupten, dass alle gleich seien, sondern zu fragen, wie mit den bestehenden Ungleichheiten umgegangen werden kann. Diese Haltung erfordert die Bereitschaft, Machtverhältnisse nicht nur zu erkennen, sondern auch auszuhalten – ohne sie zu legitimieren.
Jean-Paul Sartres Philosophie des „Blicks des anderen“ führt diesen Gedanken weiter. Für Sartre ist der andere kein Spiegel des eigenen Ichs, sondern eine radikale Fremdheit – ein Subjekt, das einen sieht und definiert, ohne dass man Kontrolle darüber hat. Augenhöhe bedeutet in diesem Sinne nicht, den anderen zu verstehen oder zu domestizieren, sondern anzuerkennen, dass er einem immer auch entzogen bleibt. Es geht nicht um Harmonie, sondern um die Bereitschaft, diese Fremdheit auszuhalten – und gleichzeitig die eigene Abhängigkeit vom Blick des anderen zu akzeptieren. Der andere hat eigene Wünsche, Bedürfnisse, eine eigene Freiheit, die man nicht besetzen kann. Die Frage ist nicht, wie man sich verstehen kann, sondern wie man miteinander umgehen kann, obwohl man sich nie vollständig verstehen wird.
Marshall Rosenbergs Konzept der Gewaltfreien Kommunikation (GFK) bietet schließlich einen praktischen Ansatz, um diese theoretischen Einsichten umzusetzen. Doch während die GFK oft auf „Ich-Botschaften“ reduziert wird, geht es Rosenberg in Wahrheit um etwas Radikaleres: Konsens ist kein Kompromiss, sondern die Erkenntnis, dass die eigenen Strategien nicht unbedingt die Bedürfnisse anderer erfüllen – und umgekehrt. Echter Konsens entsteht erst, wenn die eigenen Bedürfnisse klar benannt werden – nicht in Form von Vorwürfen, sondern als Ausdruck innerer Notwendigkeiten – und gleichzeitig die Bedürfnisse des anderen ernst genommen werden, ohne sie zu bewerten oder zu hierarchisieren. Augenhöhe bedeutet dann nicht, dass man sich einigen muss, sondern dass man fragt: „Was brauchst du – und wie können wir das mit meinen Bedürfnissen verbinden?“
4. Fazit: Augenhöhe als radikale Anerkennung von Macht, Fremdheit und Bedürfnissen
Augenhöhe ist also kein Zustand, den man herstellen kann, sondern ein Prozess, der drei grundlegende Prinzipien erfordert. Erstens: Asymmetrien benennen. Machtgefälle nicht leugnen, sondern thematisieren – etwa durch die einfache, aber radikale Aussage, dass man eine andere Position einnimmt als das Gegenüber. Zweitens: Fremdheit aushalten. Den anderen nicht verstehen wollen, sondern als eigenständiges Subjekt akzeptieren – mit der Haltung, dass man nicht weiß, wie er oder sie die Dinge sieht, und der Bereitschaft, es zu erfahren. Drittens: Bedürfnisse verhandeln. Keine Kompromisse schließen, die beide Seiten unzufrieden zurücklassen, sondern gemeinsame Lösungen suchen, die die Bedürfnisse aller berücksichtigen.
Augenhöhe scheitert nicht an Konflikten, sondern an der Illusion, sie vermeiden zu können. Sie ist kein Harmonieversprechen, sondern die Einsicht, dass Gleichheit immer wieder neu verhandelt werden muss – unter ungleichen Bedingungen. Sie macht sichtbar, wo Macht wirkt, und fordert uns auf, sie nicht zu leugnen, sondern bewusst zu gestalten. In diesem Sinne ist Augenhöhe weniger ein Ziel als eine ständige Herausforderung: die Bereitschaft, mit Widersprüchen zu leben und sie produktiv zu nutzen.
Weiterführend:
→ [[Macht und Kommunikation: Warum Symmetrie täuscht]]
→ [[Sartre und die Fremdheit des anderen]]
→ [[GFK jenseits von Ich-Botschaften: Bedürfnisse statt Strategien]]
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