Augenhöhe in der Erziehung
Das Grundproblem: Strukturelle Ungleichheit in der Familie
In kaum einem Bereich verwechseln Menschen den Begriff der Augenhöhe so oft mit Harmonie wie in der Familie. Doch Augenhöhe in der Familie meint keinen Zustand des „Dauer-Konsenses“, sondern stellt eine emanzipatorische Herausforderung dar. Die Familie konstituiert strukturell den Ort der größten Ungleichheit: Kinder hängen physisch, emotional und ökonomisch von ihren Eltern ab. Bereits die UN-Kinderrechtskonvention versucht, dieses Spannungsfeld rechtlich zu fassen. Sie stärkt einerseits das Kind als Subjekt mit Rechten, erkennt andererseits aber das Recht auf religiöse Erziehung und die elterliche Leitungspflicht an.
Augenhöhe bedeutet hier daher nicht die Leugnung von Macht, sondern die bewusste Entscheidung der Privilegierten – der Eltern – ihre Macht nicht zur Unterdrückung, sondern zur Ermöglichung von Freiheit einzusetzen. Wer von Augenhöhe in der Familie spricht, ohne diese fundamentale Asymmetrie zu benennen, betreibt Machtverschleierung. Das Kind kann sich seine Eltern nicht aussuchen. Es kann nicht gehen. Es besitzt keine ökonomische Unabhängigkeit. Diese Faktizität prägt jede Begegnung zwischen Eltern und Kind – und genau deshalb braucht es ein bewusstes Gegengewicht.
Die existenzielle Dimension: Das Kind als Subjekt
Gegen Gehorsamkeit: Der emanzipatorische Bruch
Traditionelle Erziehungsvorstellungen basierten auf dem Modell der Unterordnung. Die Pädagogik begriff das Kind als unvollständiges Wesen, das Disziplinierung formen muss. Ein emanzipatorisches Verständnis von Augenhöhe bricht radikal mit dieser Logik. In Anlehnung an das Konzept der Gleichwürdigkeit (Jesper Juul) setzt es die Integrität des Kindes als absolut.
Augenhöhe bedeutet: Das Kind steht in seiner Würde und in der Validität seiner Gefühle den Erwachsenen vom ersten Tag an ebenbürtig gegenüber. Emanzipation heißt, das Kind nicht als Projektionsfläche für eigene Träume zu sehen, sondern als ein „Ich“, das ein Recht auf seinen eigenen Eigensinn besitzt. Dieser Bruch fordert von den Eltern eine schmerzhafte Dekonstruktion ihrer Machtrolle: Es geht nicht mehr darum, den Willen des Kindes zu brechen, sondern seinen Willen als Kompass für seine Identitätsbildung ernst zu nehmen.
→ [[Gleichwürdigkeit Juul]]
Gegen Leugnung: Die Unantastbarkeit der Gefühle
Ein zentraler Pfeiler der Augenhöhe liegt in der Anerkennung der affektiven Realität des Kindes. In der traditionellen Erziehung spricht man dem Kind oft die Deutungshoheit über sein Erleben ab. Sätze wie „Du brauchst keine Angst zu haben“ oder ein forciertes „Du schaffst das“ praktizieren subtile Formen der Leugnung von Gefühlen. In ihrer extremen Form führt diese Entwertung zur Dehumanisierung: Das Kind lernt, dass seine Wahrnehmung falsch und sein inneres Erleben wertlos erscheint.
Augenhöhe fordert hier eine radikale Validierung. Wenn ein Kind Angst hat, existiert die Angst als Realität, die man nicht wegdiskutieren darf. Die Anerkennung der Gefühle bedeutet, dem Kind zu signalisieren: „Ich sehe deine Angst, und sie hat ihre Berechtigung.“ Leugnen Eltern Gefühle, degradieren sie das Kind zum Objekt, das „richtig“ zu funktionieren hat. Die Befreiung aus dieser Objektrolle bildet den ersten Schritt zur Subjektwerdung.
Diese Validierung meint nicht, dass Eltern jede Angst rational teilen müssen. Es geht nicht darum, die Angst vor Monstern unter dem Bett für berechtigt zu halten – sondern darum anzuerkennen, dass das Kind diese Angst real empfindet. Der Unterschied liegt zwischen „Es gibt keine Monster“ (Leugnung des Gefühls) und „Ich verstehe, dass du Angst hast“ (Anerkennung des Gefühls). Erst nach dieser Anerkennung kann man gemeinsam Wege finden, mit der Angst umzugehen.
→ [[Subjektwerdung]]
Gegen Objektwerdung: Das Erschrecken vor dem eigenen Kind
Hier greift die phänomenologische Perspektive Sartres: Das Kind erscheint nicht als „Produkt“ der Eltern, sondern als absolut Anderes. Eltern erleben oft einen Moment des tiefen Erschreckens, wenn sie feststellen, dass ihr Kind Wesenszüge entwickelt, die ihnen völlig fremd oder entgegengesetzt vorkommen. Augenhöhe bedeutet, dieses Erschrecken nicht durch Kontrolle zu kompensieren, sondern die Unverfügbarkeit des Kindes als Zeichen seiner Freiheit zu feiern.
Versuchen Eltern, das Kind durch totale „pädagogische Transparenz“ handhabbar zu machen, berauben sie es seiner Subjektivität. Das Kind besitzt eine „Rückseite des Mondes“ – ein inneres Erleben, das für Außenstehende, selbst für die engsten Bezugspersonen, prinzipiell unzugänglich bleibt. Augenhöhe respektiert dieses Geheimnis des Anderen. Sie verzichtet darauf, den Anderen vollständig verstehen und kontrollieren zu wollen.
Diese Unverfügbarkeit zeigt sich besonders deutlich in der Adoleszenz. Das Kind, das man jahrelang zu kennen glaubte, entwickelt plötzlich Interessen, Werte, sexuelle Orientierungen, die man nicht vorausgesehen hat. Der autoritäre Reflex lautet: Korrigieren, zurückholen, „richtig“ erziehen. Der emanzipatorische Weg lautet: Aushalten, dass das Kind ein Eigenes wird, das man nicht geschaffen hat und nicht kontrollieren kann.
Die praktischen Dilemmata
Konsistenz versus Authentizität: Das Dilemma der zuverlässigen Bezugsperson
Ein häufiges Missverständnis der Augenhöhe liegt in der Annahme, dass Eltern nun völlig impulsiv agieren dürften. Doch Kinder benötigen eine zuverlässige Bezugsperson, um die Welt sicher erkunden zu können. Ein konsistenter Erziehungsstil bietet dem Kind die notwendige Orientierung. Wenn die Reaktion der Bezugsperson willkürlich bleibt, kann das Kind keine stabilen Erwartungshaltungen aufbauen.
Das Spannungsfeld liegt zwischen Authentizität und Verlässlichkeit. Soll ich als Elternteil meine momentane Überforderung zeigen – oder soll ich eine stabile Fassade aufrechterhalten, damit das Kind sich sicher fühlt? Die Antwort kann nicht „entweder-oder“ lauten. Kinder brauchen beides: Sie brauchen Eltern, die echt sind und eigene Grenzen haben – und sie brauchen gleichzeitig die Gewissheit, dass diese Grenzen nicht willkürlich schwanken.
Besonders dramatisch zeigt sich dieses Spannungsfeld bei inkonsistentem Verhalten durch psychische Erkrankung oder Sucht. In solchen Fällen – etwa bei Drogenabhängigkeit einer Bezugsperson – bricht die verlässliche Welt des Kindes zusammen. Augenhöhe erscheint hier kaum noch möglich, da die erwachsene Person ihre Schutzfunktion nicht mehr erfüllen kann und das Kind oft in eine Parentifizierung (Rollenumkehr) zwingt. Wahre Augenhöhe braucht die Stabilität eines Gegenübers, das sich selbst regulieren kann.
→ [[zuverlässige Bezugsperson]], [[inkonsistentes Verhalten durch psychische Erkrankung oder Sucht]]
Die Illusion der Manipulationsfreiheit
Man muss sich der faktischen Unmöglichkeit stellen, in der Erziehung nicht zu manipulieren. Selbst bei einer „guten“, reflektierten Erziehung wirkt das Elternhaus als massives Vorbild. Diese unbewusste Manipulation durch Vorbildwirkung lässt sich nicht ausschalten: Kinder spiegeln Werte, Ängste und Vorurteile ihrer Eltern, oft ohne dass ein einziges Wort darüber fällt.
Augenhöhe bedeutet hier, sich dieser Macht bewusst zu werden. Wir können nicht nicht beeinflussen. Der emanzipatorische Akt besteht darin, diese Beeinflussung transparent zu machen und dem Kind Räume zu eröffnen, in denen es sich von den elterlichen Narrativen abgrenzen darf. Es geht um die Anerkennung, dass das Kind trotz unserer Prägung das Recht hat, ein „Anderes“ zu werden.
Diese Transparenz kann konkret bedeuten: „Ich habe Angst vor Hunden, weil ich als Kind gebissen wurde. Aber das bedeutet nicht, dass du auch Angst haben musst.“ Oder: „Ich esse kein Fleisch aus ethischen Gründen – aber wenn du älter bist, kannst du selbst entscheiden.“ Die Macht liegt nicht darin, ob man prägt (das ist unvermeidlich), sondern ob man dem Kind ermöglicht, diese Prägung zu hinterfragen.
→ [[unbewusste Manipulation durch Vorbildwirkung]]
Strukturen der Befreiung
Machtteilung und Veto-Recht: Demokratisierung des Privaten
Emanzipation braucht Strukturen. In einer Familie auf Augenhöhe müssen Eltern Macht aktiv teilen. Ein zentrales Werkzeug stellt das Einräumen von echten Entscheidungsräumen und einem Veto-Recht des Kindes in Bereichen dar, die seine körperliche und seelische Integrität betreffen.
Das Veto-Recht bedeutet: Das Kind darf Nein sagen zu Berührungen, die es nicht will. Es darf Nein sagen zu Umarmungen von Tanten, die es nicht kennt. Es darf Nein sagen zu bestimmten Nahrungsmitteln, die es ekeln. Dieses Veto gilt absolut – es unterliegt keiner Rechtfertigung. Die Integrität des Körpers und der Gefühle gehört dem Kind, nicht den Eltern.
Das Dilemma liegt in der notwendigen Schutzfunktion. Natürlich kann ein Dreijähriges nicht entscheiden, ob es bei Rot über die Ampel läuft. Aber Augenhöhe fordert, Machtverhältnisse permanent zur Disposition zu stellen. Jedes Machtwort stellt ein vorübergehendes Scheitern des Dialogs dar. Und damit funktioniert Familie selbst als Feld demokratischen Selbstverständnisses, in dem Menschen Konflikte nicht durch Hierarchie, sondern durch die Aushandlung von Bedürfnissen lösen.
Diese Aushandlung meint nicht, dass Kinder abstimmen, wann sie ins Bett gehen. Sie meint, dass Eltern erklären, warum bestimmte Regeln existieren – und dass Kinder das Recht haben zu widersprechen. „Ich verstehe, dass du nicht müde bist. Aber dein Körper braucht Schlaf, und morgen musst du früh aufstehen.“ Das ist etwas anderes als „Weil ich es sage.“
Gegen Adultismus: Die Überwindung altersbedingter Diskriminierung
Der Begriff Adultismus beschreibt die systematische Entwertung von Kindern und Jugendlichen aufgrund ihres Alters. Sätze wie „Dafür bist du noch zu klein“ oder „Das verstehst du noch nicht“ praktizieren oft diese Form der Diskriminierung – selbst wenn sie manchmal faktisch zutreffen mögen. Die Frage lautet nicht, ob Kinder weniger Lebenserfahrung haben (das tun sie), sondern ob ihre Perspektive deshalb weniger zählt.
Augenhöhe überwindet Adultismus, indem sie das Kind als Experten für sein eigenes Erleben anerkennt. Ein Fünfjähriges mag nicht verstehen, wie Zinsen funktionieren – aber es versteht sehr genau, ob es sich in einer Situation wohl oder unwohl fühlt. Diese Expertise der eigenen Gefühle verdient Respekt.
In der Praxis bedeutet das: Wenn ein Kind sagt „Mir ist kalt“, diskutieren Eltern nicht „Aber es sind 20 Grad, dir kann nicht kalt sein“. Das Kind besitzt Zugang zu seinem eigenen Körperempfinden, den Außenstehende nicht haben. Adultismus leugnet diese Expertise und setzt die Deutung des Erwachsenen als überlegen.
→ [[Adultismus]]
Familie als Ort der radikalen Freiheit
Augenhöhe in der Familie vollzieht sich letztlich als politischer Akt. Wer in der Kernzelle der Gesellschaft erfährt, dass seine Gefühle valide erscheinen und seine Stimme zählt, trägt diese Erwartung auch in die Welt. Wahre Augenhöhe hält das Paradoxon aus: Ich trage die Verantwortung für dein Überleben und biete dir die notwendige Konsistenz einer Bezugsperson, aber ich verzichte auf die Herrschaft über dein Wesen.
Diese Haltung fordert permanente Reflexion. Sie verlangt, immer wieder zu fragen: Wo übe ich Macht aus, weil es notwendig ist – und wo aus Bequemlichkeit? Wo schütze ich das Kind – und wo kontrolliere ich es? Wo setze ich Grenzen zum Schutz – und wo zur Durchsetzung meines Willens?
Die Familie auf Augenhöhe funktioniert nicht als harmonischer Konsensraum. Sie lebt von Konflikten, von Aushandlungen, vom Aushalten der Differenz. Aber in dieser Aushandlung lernen Kinder etwas Fundamentales: Dass sie ein Recht haben, gehört zu werden. Dass ihre Bedürfnisse zählen. Dass Macht nicht gottgegeben ist, sondern verhandelbar. Und genau diese Erfahrung bildet die Grundlage für demokratisches Bewusstsein, das über die Familie hinausreicht.
Weiterführende Themen:
→ [[Adultismus]]
→ [[Gleichwürdigkeit Juul]]
→ [[Subjektwerdung]]
→ [[zuverlässige Bezugsperson]]
→ [[MOC: Augenhöhe]]
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