Augenhöhe in der Bildung
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Lernen auf Augenhöhe beginnt historisch mit der Abkehr vom Bild des Schülers als passiver Empfänger von Wissen. John Dewey und die Klassiker der Reformpädagogik wie Maria Montessori oder Célestin Freinet begriffen Lernen als einen aktiven Akt der Weltaneignung. In dieser Logik kann Wissen nicht einfach von einer Person auf eine andere übertragen, sondern nur individuell konstruiert werden. Augenhöhe bedeutet in diesem Kontext, den Eigensinn des Lernenden als den einzigen wirklichen Motor des Bildungsprozesses anzuerkennen. Das Kind wird nicht mehr als unbeschriebenes Blatt gesehen, sondern als ein Wesen mit eigenen Erfahrungen und Interessen, das seine Welt forschend entdeckt. Der Lehrer gibt die Rolle des autoritären Wissensvermittlers auf und wird zum Gestalter einer vorbereiteten Umgebung, die es dem anderen Ich ermöglicht, seinen eigenen Lernweg zu finden. Dies markiert das Ende der didaktischen Belagerung, in der die Lehrkraft fälschlicherweise glaubt, den Lernfortschritt im Kopf des Kindes exakt determinieren zu können.
1. Dewey und die Reformpädagogik: Das Fundament des Lernens als Eigensinn
2. Das traditionelle System: Notengebung, Allokation und die Gewalt der Dreigliedrigkeit
In der harten Realität des aktuellen Schulsystems prallt dieser reformpädagogische Anspruch jedoch auf gesellschaftliche Funktionen, die Helmut Fend als Qualifikation, Allokation und Integration beschrieben hat. Wenn Schule primär dazu dient, Menschen nach ihrer ökonomischen Verwertbarkeit in einer Hierarchie zu platzieren, wird das Kind zum Objekt einer Sortiermaschine degradiert. Das dreigliedrige Schulsystem ist dabei die architektonische Absage an die Augenhöhe, da es auf einer frühen Trennung basiert, die in Wahrheit eine soziale Selektion darstellt. Hier wird Selektion zur Exklusion, die ein Oben und Unten zementiert und Gleichwertigkeit im Keim erstickt. Verstärkt wird diese strukturelle Gewalt durch das System der Ziffernnoten. Noten sind die ultimative Machtwaffe der Institution, die den echten Dialog abbrechen und durch ein einseitiges Urteil ersetzen. Die suggerierte Objektivität einer Note ignoriert die individuelle Biografie und die subjektive Anstrengung des Lernenden vollkommen. Wo Noten herrschen, weicht die Lust am Entdecken der Angst vor dem Fehler, was eine Begegnung auf Augenhöhe systematisch verhindert.
3a. Neue Aufgaben: Selbststeuerung als zu erlernende Kompetenz
Neue Methoden wie der FreiDay fordern neue Kompetenzen. Schülerinnen und Schüler sollen hier völlig selbstgesteuert an gesellschaftlichen Problemen arbeiten – ohne Lehrplan, ohne Vorgaben, ohne klassischen Unterricht. Das ist ein radikaler Bruch mit traditionellen Lernformen und ein wichtiger Schritt zur Demokratisierung von Bildung. Doch diese Freiheit funktioniert nur, wenn bestimmte Kompetenzen vorhanden sind.
Daniel Kahneman unterscheidet zwischen System 1 (schnelles, impulsives Denken) und System 2 (langsames, reflektiertes Denken). Schulisches Lernen trainiert oft nur System 1 – auswendig lernen, schnell antworten, Aufgaben abarbeiten. Doch selbstgesteuertes Lernen erfordert System 2: die Fähigkeit, innezuhalten, Optionen abzuwägen und langfristig zu planen.
Walter Mischels berühmtes Marshmallow-Experiment wird oft missverstanden. Es zeigt nicht, dass manche Kinder Belohnungsaufschub „können“ und andere nicht. Mischel selbst hat deutlich gemacht, dass diese Kompetenz soziokulturell geprägt ist. Kinder aus prekären Verhältnissen haben oft rational gelernt: Versprechungen werden nicht eingehalten, Ressourcen können morgen verschwunden sein. Warum also warten? Das ist keine Unfähigkeit, sondern eine adaptive Strategie. Wenn Schülerinnen und Schüler diese Kompetenz nicht mitbringen, ist das kein individuelles Defizit, sondern Folge struktureller Ungleichheit.
Albert Banduras Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung fügt eine weitere Dimension hinzu: Nur wer glaubt, durch eigenes Handeln etwas bewirken zu können, wird überhaupt den Versuch unternehmen, sich selbst zu steuern. Jahrelange Erfahrungen von Ohnmacht im traditionellen System zerstören diese Erwartung systematisch – und auch hier sind Kinder aus benachteiligten Verhältnissen besonders betroffen.
Augenhöhe in der Bildung bedeutet daher, dass Schule diese Diskrepanzen ausgleichen muss, statt sie durch Selektion zu verstärken. Autonomie ist keine Voraussetzung, die man mitbringen muss, sondern das Ziel eines schrittweisen Prozesses, den die Schule aktiv gestalten muss. Das ist keine Zusatzaufgabe, sondern eine Frage der Bildungsgerechtigkeit.
3b. Neue Werkzeuge für die schrittweise Entwicklung
Axel Krommer und die didaktischen Schieberegler: Pädagogik bewegt sich immer in Spannungsfeldern – Freiheit versus Struktur, Vertrauen versus Kontrolle, Instruktion versus Konstruktion. Axel Krommers Konzept der didaktischen Schieberegler macht diese Antinomien sichtbar und verhandelbar. Es gibt keine feste Einstellung, die für alle Situationen passt. Stattdessen müssen Lehrkräfte die Regler für jede Lerngruppe und jede Phase neu justieren.
Eine selbstständige Oberstufengruppe braucht mehr Freiheit und weniger Struktur, während eine überforderte Mittelstufe zunächst kleinschrittige Übungen benötigt, bevor sie Projektarbeit bewältigen kann. Das Prinzip lautet: So viel Freiheit wie möglich, so viel Struktur wie nötig. Struktur ist hier nicht Zwang, sondern Orientierung – ein Rahmen, der es ermöglicht, schrittweise mehr Verantwortung zu übernehmen. Augenhöhe zeigt sich in der Transparenz dieser Entscheidungen. Die Lehrkraft erklärt, warum sie einen bestimmten Regler in eine Richtung schiebt, und lädt die Schüler ein, diese Justierung gemeinsam zu reflektieren. Das macht den Lernprozess zu einer gemeinsamen Verantwortung, statt ihn als undurchschaubare Autorität zu inszenieren.
Maike Plath und das Mischpult-Prinzip: In Brennpunktschulen wird die Illusion autoritärer Kontrolle oft brutal demontiert – durch offene Kooperationsverweigerung. Maike Plaths Antwort darauf ist radikal: das Veto-Recht. Schüler dürfen jederzeit Nein sagen zu einer Übung, ohne Begründung, ohne Konsequenzen. Erst wenn das Nein möglich ist, wird das Ja freiwillig. Plath entwickelte daraus ein System von fünf Führungsjokern – Veto, Klarheit, Tempo, Verantwortung und Störgefühl –, die den Schülern ermöglichen, ihren Lernprozess aktiv zu steuern.
Das Veto schützt die eigene Integrität, Klarheit fordert verständliche Erklärungen ein, Tempo reguliert den Rhythmus, Verantwortung erweitert den Fokus auf die Gruppe, und Störgefühl erzwingt einen Ebenenwechsel, wenn emotionale Blockaden den Lernprozess unterbrechen. Diese Werkzeuge sind keine pädagogische Nettigkeit, sondern ein Achtsamkeitstraining, das Schüler dazu befähigt, sich selbst und ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Augenhöhe entsteht hier nicht durch das Leugnen von Macht, sondern durch deren bewusste Teilung.
Portfolio-Lernen und das Reflexionsmodell nach Brendel: Die traditionelle Notengebung urteilt punktuell und abschließend – das Portfolio dokumentiert einen Prozess. Doch viele Portfolios scheitern an der Oberflächlichkeit ihrer Reflexionen. Schüler beschreiben, was sie getan haben, aber nicht, was sie dabei gelernt haben. Das Reflexionsmodell nach Brendel bietet hier eine kognitive Stützstruktur in vier Schritten: Dokumentieren (Was habe ich getan?), Analysieren (Warum war es erfolgreich oder nicht?), Evaluieren (Wie bewerte ich meine Leistung?) und Planen (Was nehme ich mit für künftige Aufgaben?).
Besonders in der Sekundarstufe II wird das Portfolio so zum Werkzeug der Wissenschaftspropädeutik. Schüler lernen, ihre praktischen Erfahrungen mit theoretischen Konzepten zu verknüpfen und sich selbst als Forschende in eigener Sache zu begreifen. Ein gut geführtes Portfolio ist dann kein Sammelbecken von Arbeitsblättern, sondern ein Beleg für die Fähigkeit zur Metakognition – und damit zur akademischen Reife. Augenhöhe zeigt sich hier in der Verschiebung vom Urteil zum Dialog: Die Lehrkraft wird vom Richter zum Lernbegleiter, der gemeinsam mit dem Schüler auf dessen Entwicklung blickt.
4. Neue Prüfungsformate: Durchbruch der Allokationslogik durch Personalisierung
Der entscheidende Hebel zur Überwindung der Selektionslogik liegt in der Transformation der Leistungsbewertung. Um die destruktive Kraft der Ziffernnoten zu brechen, braucht es Formate, die den Dialog fördern, statt ihn zu beenden. Personalisierte Lernentwicklungsberichte bieten hier eine Alternative, indem sie den individuellen Fortschritt beschreiben, statt ihn mit einer normierten Zahl zu maskieren. Portfolios und die Arbeit an authentischen Lernprodukten ermöglichen es Schülern, ihre Kompetenzen sichtbar zu machen und die Rückseite ihres eigenen Mondes selbst zu erkunden. In solchen Formaten wird der Lehrer vom Richter zum Lernbegleiter, der gemeinsam mit dem Schüler auf dessen Entwicklung blickt. Dies ermöglicht ein kompetenzorientiertes Feedback, das vom Urteil befreit ist und das Empowerment des Lernenden in den Mittelpunkt stellt. Wenn wir die Allokationslogik durch solche personalisierten Ansätze ersetzen, kann Schule endlich zu einem Raum werden, in dem ein Ich einem anderen Ich begegnet, um gemeinsam an der Welt zu arbeiten, statt sie nur zu verwalten.
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