Beziehung auf Augenhöhe in interkulturellen Beziehungen und Politik
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Wenn von „Augenhöhe“ in interkulturellen Beziehungen die Rede ist, klingen die Antworten oft selbstverständlich: Respekt, Toleranz, gegenseitiges Verständnis. Doch je genauer man hinschaut, desto fragwürdiger werden diese Formeln. Augenhöhe bedeutet etwas fundamental Unterschiedliches, je nachdem ob man über Integration in einer Gesellschaft spricht, über die existenzielle Erfahrung des Exils, über die Hierarchien des Wissens oder über globale Wirtschaftsordnungen.
Dieser Artikel gibt keine fertigen Antworten. Er stellt Fragen, die zeigen, wie tief die Asymmetrien reichen – und wie sie sich gegenseitig durchdringen. Manche Fragen werden in verlinkten Artikeln weiter ausgearbeitet. Andere bleiben offen – nicht als Wissenslücken, sondern als Denkräume. Denn bei fluiden, sich gegenseitig konstituierenden Prozessen sind die richtigen Fragen oft wichtiger als vermeintlich klare Antworten.
I. Integration – Die gesellschaftliche Perspektive
Was bedeutet Integration überhaupt?
Die erste grundlegende Frage lautet: Wer definiert eigentlich, was Integration ist? Ist es die Mehrheitsgesellschaft, die festlegt, was „normale“ Teilhabe bedeutet? Oder sollten die Zugewanderten mitbestimmen dürfen, wie Integration aussieht? Und wenn beide gemeinsam definieren sollen – wie sähe das konkret aus, wenn die Machtverhältnisse so asymmetrisch sind?
Integration wird oft als Ziel behandelt, das man erreichen kann. Aber ist es nicht eher ein permanenter Prozess, der nie abgeschlossen ist? Selbst Menschen, die seit Jahrzehnten in Deutschland leben, werden immer wieder nach ihrer „Herkunft“ gefragt. Wann ist man angekommen? Wann gilt man nicht mehr als „Migrant“, sondern einfach als Teil der Gesellschaft?
Der entscheidende Unterschied liegt zwischen Integration und Assimilation. Integration soll bedeuten, dass man die eigene kulturelle Prägung behalten darf, während man gleichzeitig an der Gesellschaft teilhat. Assimilation dagegen verlangt die vollständige Anpassung. Doch wer entscheidet, wo die Grenze verläuft? Wenn jemand die Sprache spricht, arbeitet, Steuern zahlt, aber weiterhin türkisch mit der Familie spricht, am Ramadan fastet oder andere kulturelle Praktiken pflegt – ist das Integration? Oder wird erwartet, dass man „deutscher“ wird, um wirklich dazuzugehören?
Die Leitkultur-Frage und die Norm der Mehrheit
Die Debatte um eine „deutsche Leitkultur“ macht diese Spannung sichtbar. Gibt es überhaupt so etwas wie eine klar definierbare deutsche Kultur, an der sich Zugewanderte orientieren sollen? Und wenn ja – wer definiert sie? Die Politik? Intellektuelle? Die Mehrheitsgesellschaft in ihrer Gesamtheit? Oder zeigt die Unmöglichkeit, „die deutsche Kultur“ präzise zu bestimmen, bereits, dass die Rede davon ein Machtinstrument ist – eine Art, die eigene Perspektive als universell zu setzen?
Was wäre eine „postmigrantische Gesellschaft“, in der nicht mehr eine Gruppe die Norm setzt, sondern in der verschiedene kulturelle Prägungen gleichberechtigt koexistieren? Ist das überhaupt vorstellbar in einer Gesellschaft, die sich historisch als relativ homogen verstanden hat? Oder bleibt die Mehrheitskultur immer die unsichtbare Norm, an der sich andere messen müssen?
→ [[Postmigrantische Gesellschaft]]
Struktureller Rassismus und die Unsichtbarkeit von Barrieren
Eine der hartnäckigsten Fragen ist die nach dem strukturellen Rassismus. Studien zeigen, dass Bewerbungen mit türkischen oder arabischen Namen seltener zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden – selbst bei identischer Qualifikation. Ist das „individuelles Vorurteil“ einzelner Personaler? Oder ein strukturelles Problem, das tiefer liegt?
Was bedeutet „struktureller Rassismus“ überhaupt? Heißt das, dass Institutionen rassistisch sind? Oder dass Rassismus in Strukturen eingebaut ist, ohne dass einzelne Menschen „böse Absichten“ haben müssen? Die entscheidende Frage ist: Wenn jemand deutsche Staatsbürgerschaft hat, aber aufgrund des Namens, des Aussehens oder der vermuteten Herkunft permanent als „Migrant“ gelesen wird – wo liegt dann das Problem? Bei den anderen Menschen, die diese Zuschreibung vornehmen? Oder in der Struktur der Wahrnehmung selbst, die bestimmte Merkmale automatisch als „fremd“ markiert?
→ [[Struktureller Rassismus]]
Zweiheimischkeit als Kompetenz oder Zerrissenheit
Die Vorstellung, dass Menschen zwischen zwei Kulturen leben, wird oft romantisiert. Zweiheimischkeit gilt als Bereicherung, als interkulturelle Kompetenz. Aber ist es wirklich eine Stärke, zwischen zwei Welten zu oszillieren? Oder ist es eine permanente Bürde, nirgendwo vollständig anzukommen?
Wenn jemand beide Kulturen „beherrscht“, Code-Switching betreibt und mehrsprachig denkt – ist das Kompetenz oder permanente Anstrengung? Was ist mit den Dingen, die sich nicht übersetzen lassen? Gefühle, Selbstverständlichkeiten, Werte, die in der einen Kultur existieren, in der anderen aber keine Entsprechung haben? Bleibt da ein unauflösbarer Rest? Ein Teil des Selbst, der unsagbar wird, weil die Worte fehlen oder weil niemand versteht, was gemeint ist?
→ [[Zweiheimischkeit: Kompetenz, Zerrissenheit, Zumutung]]
Der Backlash der dritten Generation
Eine der brisantesten Entwicklungen ist das Phänomen der dritten Generation. Die erste Generation kam mit der Hoffnung, dass harte Arbeit und Anpassung zu Anerkennung führen würden. Die zweite Generation machte „alles richtig“ – perfekte Sprachkenntnisse, erfolgreiche Bildungskarrieren, berufliche Integration. Aber was passiert, wenn trotzdem keine vollständige Anerkennung erfolgt? Wenn man nach 40 Jahren in Deutschland immer noch nach seiner „eigentlichen Herkunft“ gefragt wird?
Die dritte Generation sieht, dass Anpassung nicht reicht. Sie erlebt, wie ihre Eltern und Großeltern sich bemüht haben – und trotzdem nie als „deutsch“ anerkannt wurden. Ist der sogenannte „Backlash“ – die Ablehnung deutscher Mehrheitskultur, die Betonung der eigenen Differenz, der Rückzug in ethnisch-religiöse Identitäten – dann irrational? Oder ist er die logische Antwort auf ein gebrochenes Versprechen? Wer trägt die Verantwortung dafür – die dritte Generation, die sich „nicht integrieren will“? Oder eine Gesellschaft, die Integration verspricht, aber strukturell Teilhabe verweigert?
→ [[06 Augenhöhe in Migration und Integration]]
Parallelgesellschaften als Schutzraum oder Problem
Wenn Menschen in eigenen Communities bleiben, wird das oft als „Parallelgesellschaft“ kritisiert. Aber ist das wirklich mangelnde Integrationsbereitschaft? Oder ist es eine rationale Reaktion auf Diskriminierung – ein Schutzraum vor einer Mehrheitsgesellschaft, die Teilhabe strukturell erschwert?
Wer hat das Recht, darüber zu urteilen? Die Mehrheitsgesellschaft, die gleichzeitig Barrieren errichtet? Oder die Betroffenen selbst, die entscheiden, wo sie sich sicher fühlen? Und ist der Begriff „Parallelgesellschaft“ nicht bereits Teil des Problems – weil er impliziert, dass es eine „richtige“ Gesellschaft gibt, von der sich einige absondern, statt anzuerkennen, dass Gesellschaft immer schon plural ist?
II. Exil und Migration – Die existenzielle Perspektive
Exil – der Verlust der Selbstverständlichkeit
Die deutsche Exilerfahrung der 1930er und 1940er Jahre ist nicht nur Geschichte. Sie wiederholt sich in anderer Form heute. Lion Feuchtwanger, Stefan Zweig, Bertolt Brecht – sie alle erlebten das Exil nicht nur als geografische Verschiebung, sondern als ontologische Erschütterung. Die Welt, in der ihre Identität verankert war, existierte nicht mehr. Und genau diese Erfahrung machen heute russische Oppositionelle in Berlin, türkische Intellektuelle in Deutschland, chinesische Dissidenten im Westen.
Was bedeutet es, die Sprache zu verlieren, in der man denkt? Stefan Zweig schrieb „Die Welt von Gestern“ auf Deutsch – aber kann man die verlorene Welt in derselben Sprache beschreiben, wenn der Kontext, in dem diese Sprache lebendig war, verschwunden ist? Oder bleibt etwas unübersetzbar? Ein Denken, das in der alten Sprache wurzelt und in der neuen verstummt? Ist Mehrsprachigkeit im Exil eine Kompetenz – oder ein permanenter Verlust, weil man in keiner Sprache mehr vollständig zu Hause ist?
Exil zwischen „ähnlichen“ Kulturen
Deutsche Exilanten der NS-Zeit gingen in die USA, in die Schweiz, nach Brasilien – alles Länder, die zur „westlichen Welt“ gezählt werden. Macht das einen Unterschied im Vergleich zu jemandem, der aus Syrien nach Deutschland flieht? Die Erfahrung zeigt: Auch zwischen vermeintlich „ähnlichen“ Kulturen gibt es unüberbrückbare Differenzen. Es geht nicht um „Entwicklungsstand“ oder kulturelle Distanz, sondern um den fundamentalen Verlust der Selbstverständlichkeit.
Auch zwischen Deutschland und den USA existieren implizite Codes, die man nicht einfach lernen kann. Man kann die Oberfläche beherrschen – die Sprache sprechen, die Regeln kennen – aber der Kern, die unhinterfragten Selbstverständlichkeiten, bleiben fremd. Bleibt man also immer ein Fremder, auch in einer „ähnlichen“ Kultur? Oder ist gerade diese Ähnlichkeit täuschend, weil sie suggeriert, man müsste nur ein wenig lernen, um anzukommen?
Gegenwärtige Exilsituationen
Was verbindet russische Oppositionelle, die heute in Berlin leben, mit Bertolt Brecht in den 1940ern in Kalifornien? Es ist nicht nur die politische Verfolgung. Es ist die existenzielle Erfahrung, dass die Heimat verloren ist – und die neue Umgebung nie Heimat werden wird. Türkische Intellektuelle in Deutschland nach den politischen Säuberungen 2016 – ist das politisches Exil oder Migration? Wo liegt der Unterschied?
Und was ist mit Menschen, die nicht aus politischen, sondern aus ökonomischen Gründen gehen müssen – aber nie zurückkehren können, weil die Heimat wirtschaftlich zerstört ist? Ist das auch Exil? Oder nur Migration? Oder zeigt die Unmöglichkeit, hier klar zu trennen, dass beide Phänomene tiefer verwandt sind, als es die rechtlichen Kategorien nahelegen?
Migration in ihren verschiedenen Formen
Migration ist kein einheitliches Phänomen. Die Unterschiede sind enorm – und oft markiert durch Macht. Warum wird der syrische Flüchtling als jemand behandelt, der sich „integrieren“ muss, während der deutsche Manager in Singapur „Expat“ genannt wird? Liegt es am Rechtsstatus? An der ökonomischen Position? An der Hautfarbe? Oder daran, dass „Integration“ immer eine Machtfrage ist – und nur die sich „integrieren“ müssen, die als unterlegen markiert werden?
Das Privileg der Nicht-Integration zeigt sich deutlich bei Führungskräften internationaler Konzerne. Sie leben oft jahrelang in Deutschland, sprechen aber kaum Deutsch, bewegen sich in internationalen Blasen. Ist das ein Problem? Oder zeigt es nur, dass „Integration“ eine Forderung an die Schwächeren ist? Wer hat das Privileg, fremd bleiben zu dürfen – ohne dafür kritisiert zu werden?
Auch die Frage nach Temporarität ist entscheidend. Macht es einen Unterschied für die Identität, ob ich weiß, dass ich zurückkehren werde? Oder ob die alte Heimat verloren ist? Wenn Migration temporär gedacht ist, bleibt man dann in einer Schwebe – weder hier noch dort? Und wenn sie permanent wird, obwohl sie temporär gedacht war – kippt dann die Identität? Oder bleibt sie gespalten?
Die ersten „Gastarbeiter“ sollten nach ein paar Jahren zurück. Viele sind geblieben. Was macht es mit der Selbstwahrnehmung, über Jahrzehnte „Gast“ zu sein in einem Land, in dem man lebt, arbeitet, Kinder großzieht? Wird man jemals mehr als Gast? Oder bleibt diese Markierung bestehen – unabhängig davon, wie lange man bleibt?
III. Wissen und Macht – Die epistemische Perspektive
W.E.I.R.D. und die falsche Universalität
Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic – das Akronym W.E.I.R.D. beschreibt eine statistische Minderheit der Weltbevölkerung. Aber genau diese Minderheit produziert den Großteil der psychologischen und soziologischen Forschung. Sind psychologische Studien, die fast ausschließlich an westlichen Studierenden durchgeführt wurden, wirklich universell gültig? Oder ist „der Mensch“ in der Psychologie eigentlich „der westliche, gebildete, industrialisierte, reiche, demokratische Mensch“?
Was passiert, wenn man Konzepte wie „Autonomie“, „Selbstverwirklichung“ oder „rationale Entscheidung“ auf Kulturen anwendet, die andere Werte haben – etwa kollektivistische Gesellschaften, in denen das Individuum anders definiert ist? Ist das dann noch Wissenschaft? Oder bereits epistemische Gewalt – die Übertragung eigener Normen als universelle Wahrheit?
Die Frage nach der Norm ist zentral. Warum gelten westliche Werte – Individualismus, lineare Zeitplanung, Direktheit in der Kommunikation – als „normal“? Und alles andere als „Abweichung“, die erklärt werden muss? Wer hat die Macht, die Norm zu setzen? Und warum wird diese Macht unsichtbar gemacht, sodass sie als neutrale Beschreibung erscheint statt als Setzung?
g des Wissens
Die Frage „Wessen Wissen zählt?“ ist keine abstrakte akademische Debatte. Sie hat konkrete Konsequenzen. Warum werden Papers aus Harvard anders zitiert als Papers aus Lagos – selbst wenn sie methodisch gleichwertig sind? Liegt es an der Qualität? An der Sprache, weil Englisch zur globalen Wissenschaftssprache wurde? Oder schlicht an der Macht, die bestimmten Institutionen zugeschrieben wird?
Wenn indigenes Wissen über Ökosysteme jahrhundertelang funktioniert hat – warum gilt es trotzdem als „unwissenschaftlich“? Wer entscheidet, was als Wissen zählt? Und nach welchen Kriterien? Die Antwort liegt oft nicht in neutralen Qualitätsstandards, sondern in Machtstrukturen, die bestimmen, was überhaupt als „Wissen“ anerkannt wird.
Gayatri Chakravorty Spivak stellt in ihrem berühmten Essay die Frage: „Can the Subaltern Speak?“ – Können die Marginalisierten sprechen? Ihre Antwort ist ernüchternd. Sie können sprechen, aber sie werden nicht gehört – weil die Strukturen der Wissensproduktion so organisiert sind, dass nur bestimmte Stimmen als legitim anerkannt werden. Das ist epistemische Gewalt: nicht die gewaltsame Unterdrückung von Wissen, sondern die systematische Unsichtbarmachung bestimmter Wissensformen durch die Definition dessen, was überhaupt als „Wissen“ gilt.
Methodenvielfalt als Dekolonisierung
Was würde es bedeuten, Wissen zu dekolonisieren? Reicht es, mehr nicht-westliche Autoren zu zitieren? Das wäre ein Anfang, aber es greift zu kurz. Die tiefere Frage lautet: Welche Methoden gelten überhaupt als wissenschaftlich? Muss die westliche Wissenschaft ihre eigenen Grundlagen hinterfragen – etwa die Idee, dass es eine „objektive“ Position außerhalb aller Kulturen gibt, von der aus man neutral beschreiben kann?
Paul Feyerabend provozierte mit seinem Slogan „Anything goes“. Meint das Beliebigkeit – dass jede Behauptung gleich gültig ist? Oder ist es die Ablehnung eines epistemischen Monopols, das bestimmte Wissensformen von vornherein ausschließt? Feyerabend argumentierte, dass es keine universelle wissenschaftliche Methode gibt, die allen anderen überlegen ist. Verschiedene Wissensformen haben unterschiedliche Stärken – keine sollte a priori als überlegen gelten.
Die Frage nach multiplen Rationalitäten bleibt offen. Gibt es wirklich verschiedene Formen von Vernunft? Oder nur eine (die westliche), an der sich alle anderen messen müssen? Ist indigenes Wissen über Heilpflanzen „Folklore“ – oder ein valides Wissenssystem mit eigener Logik? Können verschiedene Wissensformen koexistieren, ohne dass eine „gewinnen“ muss? Was wäre eine Wissenschaft, die ihre eigene Standortgebundenheit anerkennt – statt universelle Gültigkeit zu beanspruchen?
IV. Wirtschaft und globale Ordnung – Die strukturelle Perspektive
Die fundamentale Existenznot
Bevor man über interkulturelle Kommunikation oder diplomatische Beziehungen sprechen kann, muss man über das nackte Überleben sprechen. Die Welt ist geteilt in Zonen der Sicherheit und Zonen der existenziellen Prekarität. Warum wächst das eine Kind mit einem „natürlichen“ Anspruch auf Schutz, Bildung und Mobilität auf – während das andere in permanenter Instabilität lebt?
Ist das Zufall? Oder das Ergebnis einer Weltordnung, die bestimmte Leben als „wertvoll“ und andere als „überflüssig“ markiert? Was macht es mit einem Menschen, wenn sein Leben durch einen Pass geschützt ist – während ein anderer Mensch ohne diesen Pass permanent bedroht ist? Diese Ungleichheit ist nicht nur ökonomisch. Sie ist ontologisch – eine fundamentale Asymmetrie darin, wessen Existenz als selbstverständlich gilt und wessen permanent infragegestellt wird.
Der Mensch als Objekt der Verwaltung
Wenn Menschen fliehen – vor Krieg, vor Armut, vor Klimakatastrophen – werden sie zu „Fällen“. Der „Asylant“ oder „Wirtschaftsflüchtling“ begegnet dem Beamten nicht als Subjekt mit eigener Geschichte, sondern als Fallnummer in einem Verwaltungssystem. Kann es in diesem Moment Augenhöhe geben? Oder ist die strukturelle Asymmetrie – einer entscheidet über das Leben des anderen – so fundamental, dass individuelle Haltungen irrelevant werden?
Die entscheidende Frage geht noch tiefer: Was ist mit den Bedingungen, die Flucht überhaupt erst erzwingen? Korrupte Regime, die vom Westen gestützt werden, weil sie strategisch nützlich sind? Handelsstrukturen, die lokale Märkte zerstören und Menschen ihre ökonomische Grundlage entziehen? Klimakatastrophen, die durch den CO2-Ausstoß des globalen Nordens verursacht wurden? Wenn man diese Zusammenhänge sieht – ist der Geflüchtete dann wirklich das „Problem“? Oder das Symptom eines Systems, das fundamentale Ungleichheit produziert?
Wirtschaftliche Abwertung und individuelle Identität
Die wirtschaftliche Markierung eines Landes ist nie nur abstrakt. Sie wirkt auf die Menschen, die von dort stammen. Was macht es mit dem Selbstbild, wenn das eigene Herkunftsland als „Schwellenland“ gilt, während andere Länder als „entwickelt“ markiert werden? Wenn Brasilien in internationalen Rankings immer unterhalb Deutschlands steht – wirkt das auf die Begegnung zweier Menschen aus diesen Ländern? Auch wenn beide Akademiker sind? Auch wenn der Brasilianer in Deutschland geboren wurde?
Wird diese globale Hierarchie internalisiert? Übernimmt man die Bewertung der eigenen Herkunft aus dem Blick der wirtschaftlich mächtigeren Länder? Oder kann man sich davon freimachen – und wenn ja, wie?
Anerkennung von Abschlüssen als Machtfrage
Die Nicht-Anerkennung von Universitätsabschlüssen wird oft als technische Frage behandelt. Unterschiedliche Bildungsstandards, unterschiedliche Prüfungsordnungen. Aber ist es wirklich nur das? Warum wird ein deutscher Arztabschluss in Brasilien meist anerkannt, während der umgekehrte Weg voller Hürden ist? Ist das Zufall? Oder Ausdruck einer asymmetrischen Weltordnung, in der westliche Bildung a priori als hochwertiger gilt?
Was bedeutet Nicht-Anerkennung für den Betroffenen? Es ist nicht nur ein ökonomisches Problem – dass man unter Qualifikation arbeiten muss. Es ist auch ein ontologisches: Das eigene Wissen, die eigene Kompetenz wird infragegestellt. Was macht das mit dem Selbst, wenn man 20 Jahre lang Taxi fährt, obwohl man Ingenieur ist? Internalisiert man irgendwann „ich bin Taxifahrer“? Oder bleibt die Diskrepanz eine permanente Wunde?
Climate Justice und die ökologische Schuld
Der globale Norden hat seinen Wohlstand auf der Ausbeutung von Ressourcen im globalen Süden aufgebaut. Die Klimakrise ist die finale Stufe dieses Prozesses: Wir übernutzen die Atmosphäre als globales Gemeingut, während andere die Kosten tragen. Wenn Inseln im Pazifik versinken, wenn Dürren in Afrika die Landwirtschaft vernichten – ist das Schicksal? Oder die direkte Konsequenz einer Wirtschaftsordnung, die Profite privatisiert und Kosten externalisiert?
Müssen wir Klimaflüchtlinge als „Problem“ behandeln? Oder als Gläubiger einer ökologischen Schuld, die der Norden nie beglichen hat? Die Frage nach Climate Justice ist keine moralische Forderung, die man wohlwollend erfüllen kann. Sie ist die materielle Voraussetzung dafür, dass Augenhöhe überhaupt möglich wird. Kann es diplomatische Augenhöhe geben, solange der Norden die Spielregeln für Klimaschutz diktiert – während der Süden die Zeche zahlt? Wer entscheidet über CO2-Budgets? Über Anpassungsfinanzierung? Über Technologietransfer?
Brain Drain und zirkuläre Verstärkung
Wenn qualifizierte Menschen ein Land verlassen, weil dort keine Perspektiven existieren, verstärkt das die wirtschaftliche Schwäche dieses Landes. Wenn die wirtschaftliche Schwäche dazu führt, dass das Wissen dieses Landes global nicht anerkannt wird, verstärkt das den Brain Drain. Ist das eine selbstverstärkende Spirale, in der der Norden immer reicher wird – durch den Zuzug qualifizierter Migranten – während der Süden immer ärmer wird durch deren Verlust?
Wer profitiert davon? Die Länder, die qualifizierte Migranten aufnehmen, sollte man meinen. Aber leiden nicht auch diese, wenn Integration misslingt und Potenziale verschwendet werden? Und was ist mit den Herkunftsländern – verlieren sie nicht gerade die Menschen, die sie am dringendsten bräuchten, um die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben?
Forschung für die Reichen
Globale Forschungsschwerpunkte werden nicht nach menschlichem Bedarf gesetzt, sondern nach Kaufkraft. Warum wird massiv an Medikamenten gegen Herzkrankheiten geforscht – eine Volkskrankheit im reichen Norden – aber vergleichsweise wenig an Malaria, die Millionen Menschen im globalen Süden tötet? Die Antwort ist ökonomisch: Herzkranke im Norden können sich teure Medikamente leisten. Malariakranke im Süden nicht.
Das System der Patente sorgt dafür, dass lebensnotwendige Medikamente oder Saatgut für den globalen Süden unerschwinglich bleiben. Ist das „freier Markt“? Oder strukturelle Gewalt – ein System, das Profite über Menschenleben stellt? Wie soll ein Forscher oder Unternehmer aus einem Entwicklungsland mit einem westlichen Kollegen auf Augenhöhe konkurrieren, wenn er systematisch vom Zugang zu Lizenzen und High-End-Technologie abgeschnitten ist?
Die Macht der Lieferketten
Wir fordern „nachhaltige Lieferketten“, aber wer diktiert die Preise? Der Produzent im Süden bleibt der Bittsteller, der sich den Standards des Nordens unterwerfen muss, um überleben zu können. In dieser ökonomischen Erpressbarkeit – kann es da Augenhöhe geben? Oder ist jede Rede von „fairen Lieferketten“ Augenwischerei, solange die fundamentale Machtasymmetrie in der globalen Arbeitsteilung bestehen bleibt?
Fazit: Die Fragen offen halten
Dieser Artikel hat mehr Fragen gestellt als beantwortet. Das ist Absicht. Augenhöhe in interkulturellen Beziehungen und internationaler Politik ist kein Problem, das sich durch guten Willen oder richtige Politik einfach „lösen“ lässt. Es ist ein Geflecht aus gesellschaftlicher Integration und strukturellem Rassismus, aus existenzieller Erschütterung im Exil und in der Migration, aus epistemischer Gewalt und der Hierarchie der Wissensformen, aus materieller Asymmetrie in der globalen Wirtschaftsordnung.
Diese Dimensionen durchdringen sich gegenseitig. Was auf globaler Ebene geschieht – die wirtschaftliche Abwertung eines Landes, die Nicht-Anerkennung seiner Bildungsinstitutionen, die Ausbeutung seiner Ressourcen – wirkt auf die persönliche Begegnung. Der Blick auf den Migranten ist nie nur individuell, sondern immer schon geprägt durch globale Hierarchien. Und umgekehrt: Persönliche Begegnungen reproduzieren strukturelle Verhältnisse. Stereotype, Diskriminierung, epistemische Ausschlüsse – all das geschieht nicht im luftleeren Raum, sondern ist eingebettet in Machtverhältnisse, die weit über das Individuum hinausreichen.
Es gibt keine einfachen Antworten. Aber die Fragen selbst sind bereits ein Akt der Kritik – an der Selbstverständlichkeit, mit der Asymmetrien als „normal“ behandelt werden. Wer diese Fragen ernst nimmt, kann nicht mehr von „Augenhöhe“ sprechen, ohne gleichzeitig über Macht zu sprechen. Wer von Integration redet, muss über strukturellen Rassismus reden. Wer von interkultureller Kompetenz spricht, muss über epistemische Gewalt sprechen. Wer von globaler Zusammenarbeit träumt, muss über ökonomische Ausbeutung sprechen.
Die verlinkten Artikel greifen einzelne dieser Fragen auf und bearbeiten sie weiter. Aber die Fragen selbst bleiben bestehen – als Denkräume, als Kritikmaßstab, als Aufforderung, weiterzudenken. Denn manchmal ist das Offenhalten der Fragen radikaler als jede vermeintlich klare Antwort.
Weiterführende Themen:
→ [[06 Augenhöhe in Migration und Integration]]
→ [[Zweiheimischkeit: Kompetenz, Zerrissenheit, Zumutung]]
→ [[Postmigrantische Gesellschaft]]
→ [[Struktureller Rassismus]]
→ [[MOC: Augenhöhe]]
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