Was ist Salienz?
Die menschliche Wahrnehmung ist kein passives Registrieren einströmender Daten, sondern ein hochselektiver Prozess der Priorisierung. In jedem Augenblick sind wir von einer Unzahl sozialer Reize umgeben, von denen jedoch nur ein Bruchteil die Schwelle zum bewussten Denken und Handeln überschreitet. Der Mechanismus, der diese Auswahl steuert und bestimmt, welche Informationen für unsere interne Verarbeitung relevant werden, ist die Salienz.

Stimulus
Ein sozialer Stimulus tritt zunächst als externer Input an uns heran. Damit dieser Reiz jedoch eine interne Verarbeitungssequenz auslösen kann, muss er die Fähigkeit besitzen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Diese Selektion ist die Voraussetzung dafür, dass bestimmte Aspekte einer Situation fokussiert werden, während andere von der weiteren Verarbeitung ausgeschlossen bleiben. Ein Stimulus ist somit nicht aus sich heraus bedeutsam, sondern gewinnt seine Kraft erst im Zusammenspiel mit den Merkmalen des Wahrnehmenden – seinen aktuellen Zielen, Bedürfnissen und biographischen Prägungen.
Salienz
Ein Stimulus wird in dem Moment fokussiert, in dem er eine hinreichende Salienz besitzt. Salienz ist dabei die Fähigkeit eines Reizes, die Aufmerksamkeit zu binden, weil er innerhalb eines sozialen Kontextes zwei Bedingungen erfüllt: Er muss bedeutsam sein und im Vergleich zu anderen gleichzeitig präsenten Stimuli relativ selten auftreten. Dieser Prozess ist untrennbar mit einem permanenten, unbewussten Abgleich mit den Gedächtnisinhalten verbunden. Um feststellen zu können, ob ein Reiz selten oder bedeutsam ist, greift das Gehirn auf die vorhandene „Data Base“ zu. Erst durch diese Vor-Verarbeitung wird der Stimulus für die weitere Enkodierung priorisiert.
Enkodierung
Die Enkodierung transformiert den salienten Reiz in eine kognitive Repräsentation, die für das Gedächtnis lesbar und speicherbar ist. Ein wesentlicher Teil dieses Vorgangs ist die Kategorisierung, die durch das Herstellen von Bedeutungszusammenhängen die Komplexität reduziert. Hierbei werden individuelle Unterschiede zugunsten von Ähnlichkeiten innerhalb einer Kategorie vernachlässigt, was wiederum Inferenzen ermöglicht: Wir schließen von der Kategorie auf nicht unmittelbar beobachtbare Merkmale oder zukünftige Verhaltensweisen des Gegenübers. Die Salienz steuert somit direkt, welche Kategorien aktiviert werden und welche Schlussfolgerungen wir für unser zielorientiertes Handeln ziehen.
Priming
Wie tiefgreifend und unbewusst diese Mechanismen wirken, zeigt das klassische Experiment von Bargh und Kollegen aus dem Jahr 1996. Probanden, die in einer vermeintlichen Sprachaufgabe vermehrt mit stereotypischen Begriffen assoziiert mit dem Alter konfrontiert wurden, zeigten im Anschluss eine signifikante Veränderung ihres Verhaltens: Sie legten den Weg zum Fahrstuhl messbar langsamer zurück als die Kontrollgruppe. Die salienten Begriffe fungierten als Primes, die unbewusst die entsprechenden Stereotype in der „Data Base“ aktivierten und über die kognitiven Verarbeitungsschritte direkt in das motorische Verhalten einflossen. Das Experiment verdeutlicht, dass Salienz nicht nur die Wahrnehmung steuert, sondern die gesamte Kette bis hin zur motorischen Reaktion bahnen kann.
Fazit
In der systemischen Betrachtung der Sozialen Informationsverarbeitung nach Crick und Dodge nimmt die Salienz keinen Platz als eigenständiger, isolierter Schritt ein. Sie ist vielmehr der funktionale Mechanismus innerhalb der ersten Phase – der Enkodierung von Reizen. Salienz entscheidet darüber, welche sozialen Informationen überhaupt den Filter der Aufmerksamkeit passieren und somit den gesamten zyklischen Prozess der Interpretation, Zielklärung und Reaktionsentscheidung in Gang setzen. Ohne Salienz gäbe es keine gerichtete soziale Kognition, sondern lediglich ein ungefiltertes Rauschen einströmender Daten.
Quellen
- Bless, H., Fellhauer, R. F., Bohner, G. & Schwarz, N.: Need for cognition: eine Skala zur Erfassung von Engagement und Freude bei Denkaufgaben. ZUMA-Arbeitsbericht 1991/06, Zentrum für Umfragen, Methoden und Analysen, Mannheim, 1991
- Werth, L., Denzler, M. & Mayer, J.: Soziale Kognition. In: Sozialpsychologie – Das Individuum im sozialen Kontext. Springer, Heidelberg, 2020, S. 19–54
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