Eskalation nach Colvin – Das Sieben-Phasen-Modell des ausagierenden Verhaltens
Das vorhersagbare Muster hinter dem scheinbaren Ausbruch
Menschen, die regelmäßig mit schwierigen Interaktionen zu tun haben – ob als Lehrkraft, Schulbegleitung, Führungskraft oder im Familienalltag – kennen Momente, in denen eine Person scheinbar völlig aus dem Nichts explodiert. Ein Satz, ein Blick, eine unerwartete Anforderung – und innerhalb von Sekunden ist die Situation außer Kontrolle. Im Rückblick wirken diese Ausbrüche wie plötzliche, unvorhersehbare Gewitterstürme. Geoffrey T. Colvin hat jahrzehntelang das Verhalten aggressiver und oppositioneller Kinder beobachtet und kam zu einem anderen Schluss: Der Gewittersturm ist kein Zufall. Er folgt einem präzisen, vorhersagbaren Muster – einer Kette eskalierenden Verhaltens, die in sieben aufeinanderfolgenden Phasen abläuft und an deren Anfang ein Mensch steht, der noch kooperieren kann und will.
Was Colvin im Klassenzimmer entdeckte und von Karl Landscheidt für den deutschen Sprachraum aufbereitet wurde, ist kein schulspezifisches Phänomen. Derselbe Eskalationszyklus lässt sich im Büro beobachten, wenn ein Mitarbeiter auf eine Deadline mit zunehmender Gereiztheit reagiert. Er zeigt sich in der Familie, wenn ein pubertierendes Kind von der Bitte um Mithilfe zur Explosion eskaliert. Und er ist in der Öffentlichkeit präsent, wenn eine scheinbar harmlose Auseinandersetzung im Straßenverkehr in Gewalt umschlägt. Das Modell gilt überall dort, wo Menschen in einem hierarchischen oder asymmetrischen Verhältnis zueinander stehen und Anforderungen gestellt werden, die der andere als belastend empfindet.
Colvins Modell hat den Blick auf aggressives Verhalten grundlegend verändert – weg von der Frage „Wie bestrafen wir den Gipfel der Eskalation angemessen?“ hin zu der Frage „Wie verhindern wir, dass die Kette überhaupt in Gang kommt?“. Für alle, die mit eskalierenden Menschen arbeiten oder leben, ist es ein Navigationssystem, das nicht nur die Stufen der Eskalation benennt, sondern für jede Stufe spezifische Handlungsmöglichkeiten bereithält.

Die drei Grundmerkmale eskalierender Konflikte
Colvin identifizierte drei allgemeine Kriterien, die eine eskalierende Interaktion kennzeichnen und das Modell von anderen Konflikttypen abheben. Sie gelten unabhängig vom Alter der Beteiligten und vom Kontext, in dem die Eskalation stattfindet.
Erstens: Anzeichen von Erregung. Ein Kind, das auf seinem Stuhl herumhängt, die Arme verschränkt und auf den Boden starrt, ein Mitarbeiter, der auf E-Mails nur noch einsilbig antwortet und bei Nachfragen wegsieht – beide signalisieren lange vor dem ersten lauten Wort, dass etwas nicht stimmt. Diese Erregungszeichen sind keine Provokation, sondern ein stilles Signal, dass die innere Anspannung steigt. Sie sind der erste Ansatzpunkt für eine Intervention.
Zweitens: Eine Kette eskalierenden Verhaltens. Was mit einer harmlosen Frage beginnt – „Welche Aufgaben?“ oder „Bis wann genau soll das fertig sein?“ – steigert sich über Widersprechen, Trotz und Beleidigungen bis hin zum körperlichen Angriff oder zum völligen Rückzug. Jedes neue Verhalten in dieser Kette ist gravierender als das vorherige. Die Eskalation folgt keiner zufälligen Dynamik, sondern einer inneren Logik: Jede Stufe bereitet die nächste vor und macht sie wahrscheinlicher.
Drittens: Eine spezifische sukzessive Interaktion, bei der beide Seiten sich wechselseitig die Bälle zuwerfen. Der Schüler oder Mitarbeiter stellt die Anforderung in Frage, die Lehrkraft oder Führungskraft antwortet. Der andere widerspricht, die Autoritätsperson versucht, zur Erfüllung zu bewegen. Der andere verweigert, die Autoritätsperson stellt vor die Wahl. Jeder Schritt des einen bereitet den nächsten Schritt des anderen vor. Die entscheidende Erkenntnis: Diese Interaktion ist kein Alleingang des eskalierten Menschen, sondern ein Tanz zu zweit, in den die Autoritätsperson ebenso verwickelt ist wie ihr Gegenüber. Wer diesen Tanz nicht mittanzt, kann die Eskalation unterbrechen. Wer hingegen auf jede Provokation mit einer Gegenreaktion antwortet, treibt die Spirale weiter.
Die sieben Phasen der Eskalation und ihre spezifischen Handlungsmöglichkeiten
Die eskalierende Verhaltenskette lässt sich in sieben aufeinander aufbauenden Phasen beschreiben, die Colvin in einem charakteristischen Intensitätsdiagramm veranschaulichte. Der Graph steigt an, wenn die Interaktion eskaliert, und fällt wieder ab, wenn sie deeskaliert. Für jede Phase gelten spezifische Handlungsmöglichkeiten, die sich fundamental unterscheiden. Was in der Erregungsphase hilft, kann in der Akzelerationsphase schaden. Umgekehrt ist eine Intervention, die für den Höhepunkt angemessen ist, in der Ruhephase eine völlige Überreaktion.
Phase 1: Ruhe
In der Eingangsphase verhält sich die Person überwiegend ruhig und kooperativ. Sie beteiligt sich an gemeinsamen Aktivitäten, reagiert auf Anweisungen und ist in der Lage, angemessenen Kontakt mit anderen aufzunehmen. Typische Aussagen von Beobachtern sind: „Die meiste Zeit arbeitet sie ruhig mit, aber dann…“. Gerade diese Ruhephase, in der der Mensch ansprechbar ist, bietet die beste Gelegenheit für präventive Maßnahmen.
Der entscheidende präventive Hebel liegt in dieser Phase. Es geht darum, eine tragfähige Beziehung aufzubauen, klare Erwartungen zu formulieren und dem Gegenüber das Gefühl von Kompetenz und Erfolg zu geben. Colvin betont, dass besonders Menschen, die zu Eskalationen neigen, in dieser Phase auf Anerkennung angewiesen sind – mehr vielleicht als andere. Unglücklicherweise wird genau dieses angemessene Verhalten oft ignoriert, weil das Umfeld nach den vorangegangenen Eskalationen eine Pause braucht.
Handlungsmöglichkeiten in der Ruhephase:
- Positive Beziehung aufbauen, Vertrauen schaffen, Präsenz zeigen – nicht als reagierende Feuerwehr, sondern als verlässliche Bezugsperson
- Klare Erwartungen formulieren, Regeln transparent machen, konsequent und vorhersehbar handeln
- Ein hohes Maß an Strukturiertheit schaffen, Grauzonen vermeiden, in denen Unsicherheit entsteht
- Angemessenes Verhalten aktiv und gezielt loben – nicht pauschal, sondern konkret und aufrichtig
- Zuwendung nicht nur dann geben, wenn es Probleme gibt, sondern gerade dann, wenn es gut läuft
Phase 2: Auslöser
Irgendwann tritt ein Ereignis ein, das das allgemeine Erregungsniveau erhöht. Colvin unterteilt diese Auslöser in kontextbezogene und außerkontextuelle Faktoren. Kontextbezogene Auslöser sind Anforderungen, die als nicht bewältigbar erscheinen, Konflikte mit anderen Anwesenden, Fehler, Korrekturen, plötzliche Änderungen oder das Gefühl, eingeschränkt oder provoziert zu werden. Außerkontextuelle Auslöser sind familiäre Belastungen, finanzielle Sorgen, gesundheitliche Probleme, unzureichender Schlaf oder der Einfluss problematischer Peergroups.
Colvin betont, dass diese Auslöser nicht die akute Eskalation verursachen, aber den Boden bereiten, auf dem ein kleiner Konflikt zu einer großen Krise werden kann. Ein Mensch, der ausgeschlafen und emotional ausgeglichen ist, reagiert auf eine Kritik gelassener als jemand, der die Nacht wachgelegen hat und am Morgen einen belastenden Anruf bekam.
Handlungsmöglichkeiten in der Auslöserphase:
- Auslöser identifizieren, die regelmäßig und vorhersagbar zu problematischem Verhalten führen
- Gemeinsam mit der Person nach Alternativen suchen: Was können wir ändern, um dieses Ereignis künftig zu vermeiden?
- Bewältigungsstrategien vermitteln, um mit unvermeidbaren Auslösern umgehen zu können
- Schulungen und Trainings zu sozialen Fähigkeiten, Wutkontrolle und Problemlösung durchführen
- Nicht erst warten, bis die Auslöser gewirkt haben, sondern frühzeitig das Gespräch suchen
Phase 3: Erregung
Unter dem Einfluss der Auslöser steigt die Erregung der Person an. Diese Phase kann einen beträchtlichen Zeitraum in Anspruch nehmen – manchmal eine ganze Unterrichtsstunde, einen Vormittag im Büro oder einen Nachmittag in der Familie. Sie zeigt sich in einer charakteristischen Zunahme und Abnahme bestimmter Verhaltensweisen.
Zunehmende Verhaltensweisen sind unkontrollierte Augen- und Handbewegungen wie mit den Fingern trommeln, an der Kleidung nesteln, mit dem Stift auf den Tisch klopfen, zielloses Aufschlagen und Schließen von Büchern. Die Person beginnt mit einer Aufgabe, unterbricht sie, macht etwas anderes, beginnt von neuem – die Konzentration und die Aufmerksamkeit für lern- oder arbeitsbezogene Aufgaben sind nicht mehr vorhanden.
Abnehmende Verhaltensweisen sind das Starren ins Leere, eine reduzierte sprachliche Produktion – die Person antwortet nur noch einsilbig, spricht mit geringer Lautstärke vor sich hin –, der Rückzug von Gruppenaktivitäten, verschränkte Arme, die den Kontakt zum Umfeld blockieren. Das Verhalten ist nicht mehr fokussiert oder aufgabenbezogen, aber es ist auch noch nicht gegen andere gerichtet. Die Erregungsphase ist der zweite entscheidende Interventionspunkt. Jetzt helfen Strategien, die die Erregung reduzieren, bevor die Kette in die nächste Phase springt.
Handlungsmöglichkeiten in der Erregungsphase:
- Zuwendung durch die Autoritätsperson: einfache, ruhige Kommentare wie „Schaffst du es?“ oder „Komm, versuch es mal“ vermitteln Unterstützung und reduzieren Erregung
- Abstand ermöglichen: der Person die Möglichkeit geben, sich zurückzuziehen, an einen ruhigeren Ort zu gehen, dem sozialen Druck kurzfristig zu entkommen
- Bevorzugte Aktivitäten für eine kurze Zeit erlauben, aber den Zeitrahmen klar kommunizieren und die Rückkehr zur Aufgabe verbindlich einfordern
- Körperliche Nähe der Autoritätsperson: sich in der Nähe aufhalten, von Zeit zu Zeit beiläufigen Kontakt herstellen – viele Menschen empfinden die ruhige Präsenz einer vertrauten Bezugsperson als beruhigend
- Bewegung ermöglichen: kurze Gänge, etwas holen lassen, eine motorische Aufgabe geben, um die gestaute Energie abzubauen
- Die Person in die Veränderungsbemühungen einbeziehen: fragen, was ihr jetzt helfen könnte, statt über sie zu bestimmen
- Entspannungstechniken anbieten, wenn sie zuvor eingeübt wurden – Atemübungen, Muskelentspannung, ein kurzer stiller Moment
Phase 4: Akzeleration
In dieser Phase versucht die Person aktiv, die Autoritätsperson in eine Auseinandersetzung hineinzuzwingen. Das Verhalten wird fokussiert und zielgerichtet – es geht nicht mehr um das Problem, sondern um die Konfrontation. Typische Verhaltensweisen sind Fragen und Streiten („Was soll das überhaupt?“), Unfolgsamkeit und Trotz („Mach ich nicht, das ist unfair“), nicht aufgabenbezogenes Verhalten (bewusstes Ignorieren der Anforderung), Provokationen anderer Anwesender, Quengeln und Nörgeln, Drohungen und Einschüchterungen („Ich weiß, wo Sie wohnen“) oder die Beschädigung von Gegenständen.
Eine besonders tückische Variante ist die Folgsamkeit begleitet von unangemessenem Verhalten: Die Person befolgt äußerlich die Aufforderung, murmelt aber Beleidigungen vor sich hin. Oder die partielle Folgsamkeit, bei der die Aufgabe erledigt wird, aber so unsauber und oberflächlich, dass das Ergebnis wertlos ist und die Autoritätsperson gezwungen ist, entweder mit dem mangelhaften Ergebnis zu leben oder die Konfrontation fortzusetzen.
In dieser Phase geht es nicht mehr um Hilfe oder Information, sondern um den Versuch, die Autoritätsperson in eine Konfrontation zu verwickeln. Die Phase ist zugleich eine letzte Chance, die Kette zu unterbrechen, bevor das Verhalten völlig außer Kontrolle gerät. Colvin warnt eindringlich davor, in dieser Phase in Machtkämpfe einzusteigen. Jede Reaktion, die das Gegenüber weiter reizt oder bloßstellt, treibt die Eskalation voran.
Handlungsmöglichkeiten in der Akzelerationsphase:
- Ruhe, Respekt, Gelassenheit und Abstand bewahren – das ist die oberste Maxime
- Eine Auswahl an vorbereiteten negativen Konsequenzen bereithalten, die im Vorfeld transparent kommuniziert wurden
- Die Person informieren, welches Verhalten erwartet wird und welche Konsequenz eintritt, falls sie sich nicht daran hält
- Der Person Zeit zur Entscheidung lassen – etwa zehn bis fünfzehn Sekunden, in denen die Autoritätsperson sich zurückzieht und anderen Aktivitäten zuwendet
- Langsam und überlegt auf die Person zugehen, nicht hektisch oder panisch wirken, leise und ruhig sprechen, knappe und einfache Sprache benutzen
- Die Körpersprache minimieren: nicht mit dem Zeigefinger weisen, nicht anstarren, sich nicht vor der Person aufbauen
- Bei der Sache bleiben, nicht abdriften in andere Probleme, sich nicht in Diskussionen verwickeln lassen
- Wenn das problematische Verhalten weiter eskaliert, die Diskussion beenden und die Verfahrensweisen für die Höhepunktphase einleiten
Phase 5: Höhepunkt
Das Verhalten ist völlig außer Kontrolle. Körperverletzung, ernsthafte Sachbeschädigung, Selbstverletzungen, Wutanfälle oder Hyperventilation sind typische Verhaltensweisen, die eine unmittelbare Bedrohung für die Sicherheit aller Anwesenden darstellen können. In dieser Phase ist die Person für verbale Interventionen nicht mehr erreichbar. Der präfrontale Kortex – die Instanz für überlegtes Denken und Handeln – ist funktionell außer Kraft gesetzt, und die Amygdala hat die Steuerung übernommen. Jedes weitere Wort, jeder Versuch der Beschwichtigung oder der Konfrontation kann die Situation weiter anheizen.
Handlungsmöglichkeiten in der Höhepunktphase:
- Alle Maßnahmen auf die Sicherheit der Anwesenden und der betroffenen Person selbst richten
- Andere Anwesende aus dem Raum bringen oder vom Geschehen isolieren
- Die Person nicht mit Gewalt aus dem Raum entfernen – dieser Versuch scheitert oft und demonstriert Ohnmacht, was das Problemverhalten massiv verstärkt
- Eine zweite Person zur Hilfe holen – Krisensituationen überfordern einen Einzelnen
- Die grundlegenden Verfahrensweisen müssen im Vorfeld mit dem Kollegium, der Führungsebene und gegebenenfalls mit den Angehörigen abgesprochen sein
- Bei unmittelbarer Gefahr die Polizei benachrichtigen – auch diese Entscheidung ist im Vorfeld zu klären, damit im Ernstfall nicht gezögert wird
Phase 6: Deeskalation
Das extreme Verhalten lässt irgendwann nach – sei es aufgrund der angewandten Verfahrensweisen oder einsetzender Erschöpfung. Das Verhalten in dieser Phase ist verwirrt und unkonzentriert. Die Person zeigt vielleicht Versöhnungsbereitschaft, möchte sich wieder vertragen oder sicherstellen, dass sie noch gemocht wird. Andere legen den Kopf auf die Arme und versuchen zu schlafen, streiten ihr Verhalten ab oder schieben die Schuld auf andere. Wieder andere zeigen ein fast einstudiert wirkendes, defensives Verhalten – sie sind vorsichtig, vermeiden weitere Konfrontation, wollen um keinen Preis erneut in die Eskalation geraten.
Jetzt sind mechanische, einfache Aufgaben die angemessene Beschäftigung – etwas sortieren, aufräumen, eine monotone Tätigkeit verrichten. Diskussionen über den Vorfall sollten in dieser Phase nicht geführt werden. Die Person ist noch nicht in der Lage, über das Geschehene zu reflektieren, und jeder Versuch, das Gespräch zu erzwingen, kann eine neue Eskalationswelle auslösen.
Handlungsmöglichkeiten in der Deeskalationsphase:
- Die Person an einen Ort bringen, an dem sie isoliert von anderen, aber beaufsichtigt ist
- Zeit zur Beruhigung geben – aus mindestens drei Gründen: um sich zu beruhigen, um eine erneute Eskalation zu vermeiden, um das Gesicht wahren zu können
- Eine mechanische, selbständig lösbare Aufgabe stellen, die ein greifbares Ergebnis hat – etwa eine Seite leichter Mathematikaufgaben, das Sortieren von Unterlagen, das Zusammenbauen eines einfachen Gegenstands
- Keine Hilfe oder Unterstützung gewähren, weil die damit verbundene Interaktion zu erneutem Problemverhalten führen kann
- Das Verhaltensformblatt ausfüllen lassen – eine schriftliche oder mündliche Problembeschreibung, die die Person dazu anhält, das eigene Verhalten zu reflektieren
- Die Ordnung wiederherstellen lassen, falls die Person Gegenstände beschädigt oder herumgeworfen hat
- Beobachten, ob die Person bei diesen kooperativen Anforderungen mitmacht – wenn sie sich weigert, ist sie wahrscheinlich noch nicht bereit zur Rückkehr in die normale Umgebung
Phase 7: Erholung
In der abschließenden Phase kehrt das Verhalten zu einem ruhigen und relativ normalen Zustand zurück. Die Person interessiert sich für einfache, unabhängig zu bearbeitende Aufgaben, vermeidet aber Diskussionen über den Vorfall und ist in Gruppenaktivitäten eingeschränkt belastbar. Diskussionen oder kooperatives Arbeiten sind jetzt noch zu viel – die Antworten sind typischerweise gedämpft und rätselhaft. Manche Menschen verhalten sich in dieser Phase besonders vorsichtig und fast einstudiert, andere versuchen demonstrativ, ihre Kooperationsbereitschaft zu zeigen.
Jetzt, erst nach einer angemessenen Erholungszeit – mindestens dreißig Minuten in der normalen Umgebung, sagt Colvin –, ist der Zeitpunkt für die Aufarbeitung gekommen. Das Gespräch über den Vorfall muss stattfinden, und zwar unabhängig davon, wie unangenehm es für beide Seiten ist. Ohne diese Aufarbeitung ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass dieselben Umstände, die das eskalierende Verhalten ausgelöst haben, erneut eintreten und erneut zur Eskalation führen.
Handlungsmöglichkeiten in der Erholungsphase:
- Der Person helfen, sich auf die laufenden Aktivitäten zu konzentrieren und aufgabenbezogenes Verhalten aufrechtzuerhalten
- Nicht über die Konsequenzen für das vorausgegangene Verhalten verhandeln – die Konsequenzen stehen und werden nicht durch nachträgliche Kooperation aufgeweicht
- Die Verhaltenskette rekonstruieren: Was hat die auslösenden Bedingungen geschaffen? Wann hätte die Eskalation unterbrochen werden können?
- Alternative Verhaltensweisen entwickeln und möglichst einüben
- Jede Bemühung um Selbstkontrolle massiv loben und dem Gegenüber positive Erwartungen für die Zukunft vermitteln
- Einen konkreten Plan mit spezifischen Schritten vereinbaren, dessen Umsetzung kontrolliert werden kann
Der entscheidende Punkt: Ein Konflikt ist nicht beendet, wenn er verstummt
An dieser Stelle liegt eine der wichtigsten Einsichten des gesamten Modells, die in der Praxis oft übersehen wird. Ein Konflikt ist nicht beendet, wenn die Person aufhört zu schreien, zu weinen oder um sich zu schlagen. Er ist nicht beendet, wenn sie den Raum verlässt, wenn Ruhe einkehrt, wenn alle aufatmen, dass es vorbei ist. Die Stille nach dem Höhepunkt ist keine Lösung, sondern eine Phase im Eskalationszyklus – und sie muss aktiv gestaltet werden, sonst bleibt die nächste Eskalation nur eine Frage der Zeit.
Diese Einsicht gilt nicht nur für Kinder, sondern in vielleicht noch dramatischerer Weise für Erwachsene. Wir kennen es aus Kriminalfällen: Ein Täter beruhigt sich scheinbar, verlässt den Tatort – und kehrt mit einer Waffe zurück, weil der Konflikt innerlich nicht vorbei ist, sondern weiterkocht. Wir kennen es aus dem Berufsleben: Ein Mitarbeiter, der nach einer heftigen Auseinandersetzung still aus dem Büro geht, ist nicht versöhnt, sondern schreibt zwei Stunden später eine aggressive E-Mail oder untergräbt die nächste Entscheidung der Führungskraft. Wir kennen es aus der Familie: Ein Partner, der nach einem Streit scheinbar einlenkt, aber innerlich weiter grollt, bringt den Konflikt beim nächsten Anlass wieder auf den Tisch, nur heftiger und verletzender als zuvor.
Die Phasen sechs und sieben – Deeskalation und Erholung – sind deshalb keine optionalen Zugaben, die man überspringen darf, wenn es gerade passt. Sie sind der notwendige Abschluss des Eskalationszyklus, ohne den der Konflikt nicht gelöst, sondern nur vertagt wird. Ein Konflikt ist erst dann wirklich beendet, wenn die Person bereit und fähig ist, den Vorfall aufzuarbeiten. Das bedeutet: über das sprechen zu können, was vorgefallen ist, die eigenen Gefühle und die zugrundeliegenden Bedürfnisse zu benennen und alternative Verhaltensweisen für die Zukunft zu entwickeln. Erst dieser Schritt schließt den Zyklus und gibt beiden Seiten die Chance, aus der Eskalation zu lernen, statt sie lediglich zu überstehen.
Die Abgrenzung zu anderen Eskalationsmodellen
Colvins Modell ergänzt die anderen Eskalationsmodelle um eine entscheidende Perspektive. Während Glasls Neun-Stufen-Modell den makrostrukturellen Verlauf von Konflikten über Monate oder Jahre beschreibt, fokussiert Colvin auf den mikroskopischen Verlauf einer einzelnen Interaktion, die in Minuten oder Sekunden eskaliert. Was bei Glasl eine Entwicklung ist, die sich über drei Phasen und neun Stufen erstreckt, ist bei Colvin ein einzelner, hochdynamischer Tanz, der in einer Stunde mehrfach aufgeführt werden kann.
Pattersons wechselseitige Zwangsinteraktion beschreibt einen spezifischen Mechanismus, der in Colvins Akzelerationsphase seinen Platz findet – das wechselseitige Belohnen von Druck und Nachgeben, das die Eskalationsspirale immer weitertreibt. Die Orientierungsphase, die im Artikel über Konfliktsituationen eingeführt wurde, ist bei Colvin die kurze Atempause, die ein neuer Reiz – ein Klopfen, eine unerwartete Bewegung, eine bewusste Pause – in der Erregungs- oder Akzelerationsphase schaffen kann, um die automatische Eskalation zu unterbrechen.
Gemeinsam ist allen Modellen die Einsicht, dass Eskalation kein unvorhersehbares Schicksal ist, sondern einem Muster folgt, das erkannt und unterbrochen werden kann. Der wichtigste Unterschied zwischen Colvins Modell und den anderen Ansätzen ist seine phasenspezifische Handlungsorientierung. Es sagt nicht nur, was passiert, sondern konkret, was in jeder Phase zu tun – und zu unterlassen – ist.
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